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Filme zur Lage der arbeitenden Klasse

DOK Leipzig Festival 2019: Einige Tipps

von | veröffentlicht am 31.10 2019

© Tamer Le Gruyere

Das diesjährigen DOK Leipzig Festival ist in vollem Gange und mit 310 Arbeiten aus 61 Ländern wieder einmal vollgestopft mit interessanten und weniger interessanten Dokumentarfilmen. Zum ersten Mal wird es in diesem Jahr am Wochenende die Möglichkeit geben, einige der beliebtesten Filme online zu sehen. Zudem werden diese am Sonntag als dokbuster auch nochmal auf der großen Leinwand zu sehen sein. Wir stellen einige interessante Filme vor und hoffen euch damit die Auswahl zu erleichtern.


Gundermann Revier (von Grit Lemke, Deutschland 2019, 90min)

Worum geht’s?
Gerhard Gundermann war nicht nur ostdeutscher Rockstar, sondern auch überzeugter Sozialist und überzeugter Baggerfahrer. Nachdem im letzten Jahr bereits ein Spielfilm an den Mann aus der Lausitz der vor 20 Jahren starb erinnerte, hat Grit Lemke nun einen Dokumentarfilm gedreht der diesen auf interessante Weise ergänzt. Der Film ist dann am stärksten, wenn er den Fokus auf die Alltagskultur rund um den Kohlbergbau lenkt, die Gundermanns Charakter und Schaffen so geprägt haben. Gundermann wollte den Sozialismus voranbringen, eckte aber trotzdem in der SED zu sehr an bis er schließlich flog. Über die Deutsche Einheit sagte er, ihn erinnere das an die Geschichte von einem Mädchen und einem angeschlagenen Mann die nicht glücklich werden, nachdem sie ihn zu einer Tasse Bohnenkaffee mit nach Hause genommen hat. Gundermann zog es vor, im Tagebau zu arbeiten obwohl er auch eine große Karriere als Musiker hätte machen können. Aber er spielte lieber vor Leuten, die ihn wertschätzten an Orten, die er aussuchte. Schließlich wurde öffentlich, dass er Mitarbeiter der Stasi war. Darüber sagte er, er habe sich zwar nicht die Hände, aber die Weste schmutzig gemacht. Selbstkritik sieht anders aus.

Was kann man lernen?
Dass die Kohle keine Sache für die Ewigkeit ist und sowohl ökologische als auch soziale Schäden nach sich zieht – dieses Wissen wurde spätestens nach 1990 auch in die Lausitz getragen. Große Umwälzungen folgten und gegenwärtig ist das Thema ja wieder in aller Munde. Gundermann sah, dass er als Baggerfahrer seinen Anteil hieran hatte. Er begann Gratis-Konzerte für Menschen zu geben, die gegen das Wegbaggern ihrer Dörfer protestieren und setzte sich mit Öko-Themen auseinander.

Wer sollte sich das anschauen?
Der Typ Gundermann ist einer, den es heute eigentlich nicht mehr gibt. Er ist Arbeiter, er macht Kunst und er ist politisch. Da ist ja eigentlich für alle was dabei. In der DDR, in der sich das Leben viel stärker um die Fabrik oder den Tagebau als sozialen Ort drehte, war es sicherlich wahrscheinlicher, dass solche Typen entstehen. Gundermann sah diese Pole auch nicht als Widerspruch, ganz im Gegenteil: Beim Baggern schrieb er seine Texte.

History of the Revolution (Maxime Martinot, Frankreich 2019, 30min)

Worum geht’s?
History of the Revolution ist eine Collage aus Bildern, Texten und Audio die irgendeinen Bezug zum Thema „Revolution“ haben. Welchen – das wird nicht immer klar. Wir sehen Riots, Landschaftsaufnahmen und Emanuel Macron, der sein Buch „Revolution“ vorstellt.

Was kann man lernen?
Eine Go Pro, die aus einem Helikopter geworfen wird, geht beim Aufprall nicht zwangsläufig kaputt.

Wer sollte sich das anschauen?
Der Film ist auf jeden Fall anarchistisch inspiriert. Auch viele Aufnahmen der Gilets Jaunes sind zu sehen. Im Kino saßen viele Leute, die man sonst eher im Zorro trifft. Mir war’s aber zu sperrig.

Ceremony (Phil Collins, Deutschland, Ukraine 2018, 67min)

Worum geht’s?
Phil Collins stellt fest, dass es in Manchester kein Denkmal für Friedrich Engels gibt, obwohl dieser hier viele Jahre gelebt und gewirkt hat. Der Reggiseur findet eine alte Engels-Statue in der Ukraine und bringt sie nach Großbritannien. Nebenbei versucht er Engels Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ zu aktualisieren und portraitiert Menschen in unterschiedlichen prekären Arbeitsverhältnissen.

Was kann man lernen?
Die Leute wollen Kommunismus, denn sie leiden unter dem Kapitalismus. Der Film endet mit Aufnahmen vom letzten Tag eines internationalen Festivals in Manchester. Hier wird das Engels-Denkmal feierlich eingeweiht. Es gibt zwar eine Menge roter Fahnen, aber die jubelnden Massen sind keine Seminar-Sozialist*innen. Vielmehr wird deutlich, dass es ihre materielle Lage ist, die sie leiden lässt und die sie an kommunistische Gedanken heranführt. Das ist eigentlich der feuchte Traum aller Kapital-Lesekreis-Teilnehmer*innen.

Wer sollte sich das anschauen?
Alle die sich für die Geschichte des Kommunismus interessieren. Nachdem der Hype um 200 Jahre Marx, 150 Jahre Kapital und 100 Jahre russische Revolution abgeflaut ist, wird es Zeit, dass sich die Populärkultur mal mit ein paar wichtigen Protagonist*innen aus der zweiten Reihe beschäftigt. Regisseur Collins ist so begeistert von Engels, dass er ihn im Q&A über den grünen Klee lobte: Engels war ein wundervoller Mann. Er schlug sich auf die Seite der Arbeiter*innen obwohl er als Fabrikantensohn ein leichteres Leben hätte haben können, er lebte in einer fortschrittlichen Liebesbeziehung und er ermöglichte es seinem besten Freund Karl Marx, seine Werke zu schreiben indem er ihn finanziell unterstützte. Und als Marx starb, schrieb er sie für ihn fertig. Was für ein Kommunist!

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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