HaSi bleibt!

„Es bleibt an uns, unbequem zu bleiben!“

Eine Studierendeninitiative kritisiert die Uni Halle für die einseitige Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften

von | veröffentlicht am 28.08 2019

© Transit

Über die Kämpfe und Forderungen kritischer Studierender der Wirtschaftswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) berichtet die Initiative Neue Plurale Ökonomik Halle (Saale).


Im Frühjahr wurden wir als Initiative Neue Plurale Ökonomik Halle (Saale) zum jährlichen Strategietag des wirtschaftswissenschaftlichen Bereichs der MLU eingeladen, um unser Anliegen in einem 30-minütigen Slot auf der Veranstaltung vorzustellen. Es ist uns ein Bedürfnis, den Inhalt unserer Vorstellung und die Reaktionen darauf zu rekapitulieren und unsere Forderungen und Erfahrungen öffentlich zu machen.

Wer oder was ist die Initiative Plurale Ökonomik?

Das Verständnis der ökonomischen Verhältnisse in der Welt ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Dies wird beispielsweise in der Diskussion über die Problematiken des Wohnraumes deutlich, in der zahlreiche Positionen zu Enteignung, Mietpreisbremse oder auch das neoliberale Argument des Neubaus diskutiert werden.

Doch was ist eigentlich das grundlegende Problem? Welche Lösungsansätze sind sinnvoll? Welche Machtasymmetrien gibt es? Und wie kommen wir letzten Endes zu einem „besseren Wohnen“ für alle? Wohnen ist hier ein Beispiel, welches exemplarisch für viele andere relevante Problemlagen (Klimawandel, Care-Arbeit, koloniale Abhängigkeiten, Ausbeutung) angesehen werden kann. Uns gibt es, weil wir aus einem ökonomischen Blickwinkel Antworten auf diese Fragen suchen!

Wir als Initiative sehen dabei die universitäre Lehre in der Pflicht, diese Debatten zu diskutieren, kritisch zu hinterfragen und damit reflexives Wissen zu erzeugen, anstatt alleinig auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Da wir an dieser Stelle als Studierende unsere Wünsche nicht erfüllt sehen und unsere Fragen nicht beantwortet werden, sind wir selbst aktiv geworden und einige von uns haben im Jahr 2015 die Initiative Neue Plurale Ökonomik Halle (Saale) gegründet.

Seitdem versuchen wir, spezifische Debatten und Problemlagen breiter zu denken und uns selbst weiterzubilden. So beschäftigen wir uns beispielsweise mit feministischer Ökonomik, den kapitalistischen Verwertungsmechanismen von Wohnraum und deren konkrete Auswirkung auf Halle. Damit haben wir für kritische Studierende der Wirtschaftswissenschaften die Möglichkeit geschaffen, Themen auch außerhalb des universitären Kontextes zu diskutieren. Doch dies ist nicht unser einziger Anspruch. Vielmehr versuchen wir, die Universität gleichzeitig in die Pflicht zu nehmen, auf das Studium der Wirtschaftswissenschaften einzuwirken und Verbesserungen in verschiedenen Bereichen einzufordern.

Unsere Unzufriedenheit mit den Antworten, die wir in den Vorlesungen bekommen, entspringt aus der einseitigen theoretischen Perspektive: der sogenannten Neoklassik. Die Neoklassik kann in Anlehnung an Dobusch, L., & Kapeller, J. (2012) als Mainstream, d.h. dominantes Paradigma der Wirtschaftswissenschaften verstanden werden. Auch wenn der Begriff unterschiedlich genutzt und unscharf definiert ist, sehen wir ihn als sinnvolle Kategorie an, welche durch ökonomische Rationalität, das Ziel der Optimierung von Nutzen, ein statistisches Gleichgewichtsdenken und formal-mathematische Techniken gekennzeichnet ist (Hirte, K., & Thieme, 2013). Diese Annahme finden wir oftmals in den Vorlesungen vor, auch wenn sie nicht zwangsläufig als Neoklassik benannt wird und damit meist als unsichtbare und folglich nicht zu hinterfragende, Grundannahme existiert. Unsere Kritik orientiert sich genau an diesen Grundannahmen, welche wir nicht als grundsätzlich gegeben ansehen. Vielmehr müssen diese durch andere theoretische und methodologische Ansätze erweitert werden. Mit unserer Kritik stehen wir dabei nicht alleine: Wir sind Teil des Netzwerkes Plurale Ökonomik, das im deutschsprachigen Raum mit über 30 Lokalgruppen präsent ist und auf internationale Ebene z.B. mit rethinking economics vernetzt ist. Außerdem haben auch Lehrende an anderen Universitäten dies Problematik bereits anerkannt und zusammen mit Studierenden Studienmöglichkeiten wie die Cusanus-Hochschule oder die Masterstudiengänge „Plurale Ökonomik“ in Siegen oder „Sozioökonomie“ an der Uni Duisburg-Essen geschaffen. Ziel unserer Arbeit ist es explizit nicht, die Neoklassik aus den Lehrplänen zu verdrängen, sondern zu kritisieren und zu ergänzen. Was dies bedeutet, wollen wir im Folgenden anhand abstrakter Forderungen und konkreter Verbesserungsvorschläge aufzeigen.

Was wir fordern:

Wir fordern die Anerkennung und Thematisierung von verschiedenen theoretischen Zugängen und Perspektiven der Ökonomik, d. h. verschiedenen Theorieschulen, und diese in Beziehung zueinander zu setzen, um Schwachstellen und blinde Flecken der jeweiligen Theorien sichtbar zu machen. Auf diese Weise können sich die unterschiedlichen Perspektiven gegenseitig ergänzen. Konkrete Verbesserungen fordern wir durch die Weiterentwicklung von Methodik, Theorie und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften an der MLU.

In der methodischen Ausbildung wünschen wir uns die Einbeziehung von qualitativen Methoden und Mixed-Method-Ansätzen. Wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen sollten nicht nur aus Statistik, Ökonometrik und performancebasierten Analysen bestehen, sondern interdisziplinäre Zugänge mit einbeziehen. Das bedeutet, ökonomische Prozesse nicht nur als rein Fakten-basiertes Wissen anzusehen und damit als naturwissenschaftlich gegeben zu interpretieren, sondern auch die gesellschaftlich-ökonomischen Diskurse und Entstehungskontexte wahrzunehmen und zu reflektieren.

Auf theoretischer Ebene fordern wir die Ergänzung des Lehrplans um Aspekte der Wirtschafts- und Ideengeschichte sowie generell die Thematisierung unterschiedlicher Theorieschulen wie Institutionenökonomik, feministischer Ökonomik oder Komplexitätsökonomik.

Insbesondere die Bedeutungen und Auswirkungen von race, gender und class in der Ökonomie könnten damit besser verstanden werden. Ferner erachten wir es als sinnvoll und angemessen, an der MLU bereits vorhandene interdisziplinäre Angebote wie Wirtschaftssoziologie für das wirtschaftswissenschaftliche Studium anrechnen lassen zu können. Diese Erweiterung der theoretischen Grundlagen würde beispielsweise ermöglichen, die Analyse des Wohnungsmarktes in einem deutlich breiteren Kontext betrachtet zu können. Anstatt nur auf Angebots- und Nachfragelogiken einzugehen, könnte die Untersuchung von Wohnraum mit Rücksicht auf Machtverhältnisse bei Zugang und Gestaltung des Wohnungsmarktes sowie kapitalistische Verwertungsinteressen erweitert werden.

Bisher ist die Lehre an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät vor allem durch zahlreiche Vorlesungen und rechenorientierte Übungen gekennzeichnet. Doch von der Lehre erwarten wir mehr als ein unreflektiertes und stumpfes Durchexerzieren von Lehrplänen. Studierende sollten stattdessen zu kritisch denkenden Menschen ausgebildet werden. Dies wäre durch eine stärkere Partizipation der Studierenden am Wissensbildungsprozess im Universitätsbetrieb möglich, was sich durch mehr Seminare als Vorlesungen umsetzen ließe. In diesem Zuge sollten mehr Texte und Bücher gelesen und diskutiert werden, um aktuelle Thematiken wissenschaftlich bearbeiten zu können. Explizit sollten diese Ansätze auch für Bachelor-Studierende zugänglich gemacht werden. Zudem gilt es grundsätzlich, die Zusammensetzung des Kollegiums des wirtschaftswissenschaftlichen Bereichs zu reflektieren. So wünschen wir uns ein diverseres Kollegium mit vielfältigen Perspektiven.

Was nach unserem Input bei uns ankam:

Im Anschluss an unseren Input folgte eine lebhafte Diskussion mit den anwesenden Professor*innen. Im Folgenden seien einige der Reaktionen aufgeführt. Sie bilden einen Querschnitt der verschiedenen Erwiderungen und Argumente ab.

Der Sitzungsleiter machte von Anfang an deutlich, dass theoretische Diskussionen zu Inhalten der Wirtschaftswissenschaften ausgeklammert werden sollten. Aufgrund des Formats der Veranstaltung hielten wir diesen Vorschlag auch für sinnvoll. Ein anderer Professor sah dies aber etwas anders und kritisierte unsere inhaltlichen Positionen in einem zehnminütigen Monolog. Außerdem reklamierte er durch die Nutzung eines „innovativen“ Lehrbuchs die Fortschrittlichkeit der ökonomischen Lehre an der Uni Halle für sich. Sowohl sein Input als auch das von ihm angepriesene, scheinbar progressive Lehrbuch ließen sich anhand zahlreicher Gegenargumente wie Pfadabhängigkeit oder Machtverhältnisse kritisieren. In einem anderen Rahmen würden wir uns über eine entsprechende Diskussionsveranstaltung sehr freuen.

Anschließend an den Monolog kamen weitere Professor*innen zu Wort, die jeweils ihre fortschrittlichsten Ansätze präsentierten und verschiedene Angebote darlegten. So schlug beispielsweise jemand vor, eigene Themen in die Seminare einzubringen und dadurch gesellschaftspolitische Fragestellungen aufzuwerfen. Des Weiteren wurde das Projektseminar der Wirtschaftsinformatik hervorgehoben, in welchem die teilnehmenden Studierenden engagiert zu aktuellen Themen mitarbeiten. Über diese Konzepte freuen wir uns natürlich, gleichzeitig werden dadurch die unübersehbaren Problematiken an der MLU relativiert. Der Aufforderung, den kompletten wirtschaftswissenschaftlichen Bereich für diese wenigen Ausnahmen zu loben oder sogar als „plural“ anzuerkennen, kamen und kommen wir daher nicht nach. Zehn verschiedene Fachgebiete zu haben, die aber alle neoklassische Ansätze nutzen und entsprechende Ergebnisse liefern, auch wenn sie die Begrifflichkeit „Neoklassik“ vermeiden, bedeutet für uns nicht Pluralität.

Abgesehen davon finden wir es auf der einen Seite sehr erfreulich, dass unserer konstruktiven Kritik an Formen der Lehre und Format der Veranstaltungen zugestimmt wurde. Im Kollegium nahmen wir generellen Konsens hinsichtlich methodischer Verbesserungen wahr und sogar die Aufforderung seitens eines Professors an die Kolleg*innen, die eigenen Lehrweisen zu überarbeiten.

Auf der anderen Seite finden wir es jedoch erschreckend, dass die Professor*innen eingestehen, dass Lehrmethoden teilweise überholt und nicht effektiv sind, jedoch als diejenigen, die Lehre gestalten, selbst nichts daran ändern. Den negativen Höhepunkt zur Rechtfertigung der eigenen Lethargie setzte ein Professor, der den Studierenden das Interesse am wirtschaftswissenschaftlichen Studium absprach: „Die studieren nur, weil sie nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen.“ Dass Desinteresse seitens der Studierenden auch mit Inhalten und Art der Veranstaltungen zusammenhängen könnte, wurde nicht erkannt. Auch wenn der Vorsitzende des Strategietages vermittelnd wirkte, machte er schließlich doch auch deutlich, dass er wie der Rest des wirtschaftswissenschaftlichen Bereichs nicht hinter unserem Anspruch an theoretischer Vielfalt steht.

Daher…

Bleibt es an uns, weiter unbequem zu sein und Schwierigkeiten an der MLU anzuklagen. Und es bleibt auf Seiten der Lehrenden, entsprechende Forderungen umzusetzen und Worten Taten folgen zu lassen. Wir möchten wirtschaftswissenschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge und Problemlagen erkennen, analysieren und bearbeiten können. Wir suchen Lösungen und erwarten, dass die Universität der Ort ist, der uns dazu befähigt. Dafür werden wir weiter kämpfen.

Quellen:

Dobusch, L., & Kapeller, J. (2012). Heterodox United vs. Mainstream City? Sketching a Framework for Interested Pluralism in Economics. Journal of economic Issues , 46(4), S. 1035-1058.

Hirte, K., & Thieme, S. (2013). Mainstream, Orthodoxie und Heterodoxie – Zur Klassifizierung der Wirtschaftswissenschaften (No. 38). Discussion Papers, Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien.

 

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