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Lehrkräftemangel trifft auf Mangellehre

Probleme bei der Lehramtsausbildung an der Uni Halle

von | veröffentlicht am 23.05 2019

© Transit

Während bundesweit händeringend nach Lehrkräften gesucht wird, scheint die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Lehramtsausbildung nicht auf die Reihe zu bekommen.


Weite Teile von Deutschland erleben derzeit ein böses Erwachen, denn die lange absehbare Ruhestandswelle in den Schulen der Republik trifft vielerorts auf große Probleme, Nachwuchs für den Unterricht zu gewinnen. Besonders dramatisch ist die Lage in Berlin, NRW, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. In Berlin reichten für das laufende Schuljahr sogar nicht einmal mehr die Quereinsteiger zum Lückenstopfen aus, sodass auf Studierende zurückgegriffen werden musste. In Sachsen erfolgte schon 2017 fast jede zweite Stellenneubesetzung in den Schulen durch Personen ohne Lehramtsbefähigung, wie die GEW vorrechnet. Und eine Bertelsmann-Studie kommt zu dem vernichtenden Ergebnis, dass bis 2025 bundesweit über 100.000 neue Lehrkräfte eingestellt werden müssten, um den Bedarf zu decken. Dieser Zahl stünden bis dahin allerdings nur 70.000 Lehramtsabsolvent*innen gegenüber. Eine riesige Lücke klafft. Der aktuelle Notstand wird somit voraussichtlich noch bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts anhalten.

Unzureichende Ausbildungskapazitäten

Nun möchte man meinen, dass die Hochschulen angesichts solcher Nachrichten ihre Ausbildungskapazitäten im Lehramtsbereich deutlich hochfahren und zur Verfügung stehende Ressourcen vor allem in jene Bereiche lenken, die an der Lehramtsausbildung beteiligt sind. Doch das Beispiel Halle zeigt, dass dies offenbar nicht so einfach ist. So sei man mit der Aufstockung von 700 auf 800 Neuimmatrikulierungen zum letzten Wintersemester bereits räumlich und personell an der Kapazitätsgrenze angekommen, so der Rektor Christian Tietje im September 2018 gegenüber der Magdeburger Volksstimme. Eine Expert*innenkommission hatte zuvor 1.200 Plätze empfohlen, um den tatsächlichen Bedarf in Sachsen-Anhalt langfristig wieder decken zu können. Doch dafür müsste man in Halle wohl anbauen und den Lehrbetrieb deutlich ausbauen. Dafür fehlt das Geld. Anscheinend reichen die vorhandenen bzw. vom Land zugesagten Ressourcen aktuell ja kaum dafür, den Bedarf an Lehrveranstaltungen für die künftigen Lehrkräfte zu decken.

Kurz vor Weihnachten ist auch Rektor Tietje während einer Personalversammlung der Uni Halle auf das Thema eingegangen, wie sich in der Personalratszeitung nachlesen lässt. So seien inzwischen zwar „über 30 neue Beschäftigte dafür eingestellt worden, vor allem in der Philosophischen Fakultät III und in den Fachdidaktiken. Allerdings zu mehr als drei Vierteln nur auf befristeten Stellen, obwohl davon auszugehen ist, dass der Bedarf des Landes an neuen Lehrern auch über die Mitte des neuen Jahrzehnts hinaus hoch sein wird.“ Die Kapazitätsgrenzen seien in den Lehramtsfächern längst überschritten und die Mitarbeiter*innen würden an der Belastungsgrenze arbeiten. Von einer langfristigen Sicherung der Lehramtsausbildung kann angesichts dessen kaum die Rede sein.

Und was dies vor allem für die Beschäftigten heißt, lässt sich an anderer Stelle in derselben Personalratszeitung nur erahnen: So wird gerade die große Teile der Lehramtsausbildung tragende Philosophische Fakultät III vom Personalrat als „Schwarzes Schaf“ bezeichnet, wenn es um die Lehrbelastung der Mitarbeiter*innen geht. Dazu liege dem Personalrat „ein Schreiben des Dekans an das zuständige Prorektorat vor, wonach alle aus HSP- [Hochschulpakt] und Überlastmitteln bezahlten wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen die doppelte Lehrbelastung zu erbringen hätten.“ Dies sei rechtswidrig, so der Personalrat, und fordert, dass zum Ausgleich der in den letzten Semestern zu viel geleisteten Lehrstunden „die betroffenen Mitarbeiter*innen nun ab dem Sommersemester von jeglicher Lehre freigestellt werden“ müssten, damit es ihnen bspw. überhaupt möglich werde, an ihren Qualifizierungsprojekten zu arbeiten. Geschehen ist das vermutlich nicht. Denn das hätte wiederum die Kapazitätsprobleme noch deutlich vergrößert.

Studierbarkeit nicht gewährleistet

Und auch für die Lehramtsstudierenden gerät das ohnehin sehr belastende Studium immer mehr zur Geduldsprobe. Denn die Freude über eine Studienplatzzusage verfliegt spätestens dann, wenn man bereits im ersten Semester merkt, dass man gar nicht in alle Lehrveranstaltungen hineinkommt, die für das erste Semester vorgesehen sind. Ein Problem, das sich von Semester zu Semester fortsetzt und die Studierbarkeit deutlich einschränkt. Schon traditionell gehörte das Lehramtsstudium in Halle aufgrund der Aufteilung der Lehrveranstaltungen auf verschiedene Fakultäten der Uni und ohne zentrale Koordinierung zu den organisatorisch aufwändigsten Studiengängen. Lehrveranstaltungen, die auf dieselben Zeiten fallen, und lange Wege kreuz und quer durch die Stadt gehörten dazu. Nun kommt noch oben drauf, dass man noch nicht einmal in die Veranstaltungen hineinkommt, weil sie überlaufen sind.

Der Universität ist dieser Missstand durchaus bewusst. Nicht anders ist ein Schreiben an die Studierenden zum laufenden Sommersemester zu deuten, in dem für den Bereich Lehramt an Grundschulen für die Fachwissenschaft Deutsch von einem „Mangel an DozentInnen“ die Rede ist, der dazu führe, „dass vor allem im Bereich Sprachwissenschaft, aber eben nicht nur dort, nicht genügend Seminare angeboten werden können“. Man bemühe sich mit Blick auf die Regelstudienzeit im Rahmen der Möglichkeiten, „die Situation in den nächsten Semestern wieder zu entspannen“. Zu allen Seminaren lägen „dutzende von E-Mails von Studierenden vor, die noch um Aufnahme bitten. Leider ist dies aus rechtlichen, kapazitären und versicherungstechnischen Gründen nicht möglich. Dies gilt auch für Änderungen von Räumen und Seminargrößen.“ Und auch aus anderen Bereichen der Universität ist zu hören, dass es für Studierende schwierig ist, ihr Studium in der vorgesehenen Zeit zu absolvieren und ihre Veranstaltungen in der vorgesehenen Reihenfolge zu belegen. So müssten andere Veranstaltungen vorgezogen werden, für deren Besuch eigentlich noch die Voraussetzungen fehlten. Es klingt chaotisch und taugt nicht gerade als Werbung dafür, sich für ein Lehramtsstudium zu entscheiden.

Setzt sich dies so fort, wird der Bedarf an den Schulen im Land auf absehbare Zeit nicht gedeckt werden können und Quer- und Seiteneinsteiger*innen werden immer zahlreicher an den Schulen beschäftigt. In Sachsen seien bereits 2018 über 60 Prozent der Neueinstellungen Seiteneinsteiger gewesen, an den Oberschulen sogar 80 Prozent. Und in der Grundschule, wo mit Lesen, Schreiben und Rechnen die Kulturfertigkeiten in einem komplexen Lernkontext kompetent vermittelt werden sollen, seien es auch schon über 60 Prozent. Es lässt sich nur erahnen, was solche Zustände auf mittlere Sicht für den Schulerfolg von Schüler*innen bedeuten. Gerade für jene, die im Schulsystem auf besondere Unterstützung angewiesen sind, dürfte es künftig noch schwieriger werden, im sich stetig verschärfenden – und schon allein aufgrund der Pflicht zum Schulbesuch unausweichlichen – Konkurrenzkampf um die guten Noten mitzuhalten.

Das soll nicht heißen, dass Seiten- und Quereinsteiger*innen per se schlechtere Lehrkräfte sein müssen. Im Gegenteil könnten sie mit passender Motivation und Persönlichkeit viel erreichen, denn die bringen auch nicht alle grundständig ausgebildeten Lehrkräfte mit sich. Das zeichnet sich bereits in der Ausbildung ab, wo sich – angesichts der geschilderten Kapazitätsengpässe geradezu paradox – Hörsäle und Seminarräume über das Semester hinweg deutlich leeren und wo in Vorlesungen ein zum Teil unerträglicher Geräuschpegel herrscht – selbst bei didaktisch gut aufgestellten Dozent*innen.

„Arbeitsgruppe DozentInnenmangel“ gegründet

Immerhin scheint der Zustand an der Uni Halle nicht gänzlich apathisch hingenommen zu werden. So hat sich offenbar eine „Arbeitsgruppe DozentInnenmangel“ gegründet, die im Internet darum wirbt, ihr Erfahrungsberichte zukommen zu lassen. In einer Art Aufruf heißt es, dass über die Hälfte der Lehramtsstudierenden kein Glück dabei hätten in bestimmte Seminare zu kommen. Als individuelle Folgen werden neben der fehlenden Studierbarkeit vor allem Mehrbelastungen durch die drohende Studienzeitverlängerung beklagt. Gefordert werden eine Anpassung des Stellenplans und des Seminarangebotes an die steigende Studierendenzahl, eine Entfristung der Stellen von Dozent*innen und die Sicherstellung der Betreuung im Studium.

Alles in allem keine guten Aussichten für das hiesige Bildungssystem, dem doch in Zeiten einer finanziell und ideologisch auseinanderdriftenden Gesellschaft immer noch starke Bindekräfte zugesprochen werden – und das ein Teil des Fundamentes für das Funktionieren demokratischer Prozesse ist. Doch die politischen Fehlentscheidungen der letzten 20 Jahre haben hier einigen Schaden angerichtet. Wer sich Vorteile im Bildungssystem nicht kaufen kann, wird zunehmend von den staatlichen Institutionen, das lässt sich am Beispiel der Lehramtsausbildung in Halle leider gut zeigen, hängen gelassen: Nachweisliche Startvorteile durch Herkunft, Ansehen, Aussehen, Geldbeutel oder Unterstützungsmöglichkeiten im Elternhaus können aufgrund von Personalmangel und Ausbildungsmängeln immer weniger ausgeglichen werden – soziale Selektion und gescheiterte Bildungsbiografien werden die Folge sein.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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