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„Es wird nicht mehr möglich sein, vorrangig Kunst weißer Männer zu zeigen“

Das Projekt „LUX19: Frauenarbeit“ will Kunst und Politik zusammenbringen

von | veröffentlicht am 27.05 2019

© Beate Körner

Im Rahmen des Projekts „LUX19: Frauenarbeit“ setzen sich zehn Künstlerinnen ein Jahr lang mit dem Thema Arbeit und Geschlecht auseinander. Damit wollen sie auch auf sexistische Strukturen in der Kunstszene aufmerksam machen. Transit sprach mit den Organisatorinnen und einigen teilnehmenden Künstlerinnen.


Yvonne Kalinna und Beate Körner sind seit über einem Jahr im Vorstand des Vereins GEDOK Mitteldeutschland aktiv. Dort organisieren sie Ausstellungen, Workshops oder Lesungen, um die Arbeit von Künstler*innen zu unterstützen. Innerhalb dieses Vereins haben sie die Projektgruppe LUX gegründet, mit dem Ziel, künstlerisches Schaffen und Themen von aktueller gesellschaftlicher Relevanz miteinander zu verknüpfen. Das erste Projekt von LUX steht unter dem Motto „Frauenarbeit“ und bietet zehn Künstlerinnen ein Jahr lang die Möglichkeit, gemeinsam zu arbeiten.

Eine Besonderheit des Projekts ist, dass nicht die Präsentation fertiger Kunstwerke im Vordergrund steht. Vielmehr soll der Prozess des Planens und Erarbeitens in den Blick genommen werden. Im Projektzeitraum finden vier „Open-Art-Factories“ statt, bei denen sich die Künstlerinnen zum Diskutieren und Arbeiten treffen und ihre Arbeiten vor Publikum vorstellen. Den Auftakt machte eine Veranstaltung Ende März auf dem Künstlergut Prösitz bei Grimma. Dabei gab es auch eine Unterhausdebatte zum Kernthema von LUX19.

Das Format der Unterhausdebatte ist an die Sitzordnung im englischen Parlament angelehnt. Durch die Wahl des Sitzplatzes auf einer von zwei einander gegenüberliegenden Stuhlreihen sind hierbei alle Anwesenden dazu aufgefordert, zu kontroversen Fragen Stellung zu nehmen“, erläutern Kalinna und Körner. Dabei sehen sie den Veranstaltungsort Grimma als Chance, ein anderes Publikum als bei Veranstaltungen in Leipzig zu erreichen.

Von Fotografie bis Audioinstallation

Künstlerisch ist LUX19 breit aufgestellt. Die zehn Teilnehmerinnen nutzen unterschiedliche Medien wie Audioinstallation, Tanz, Interview, Fotografie, Performance und Text. Eine von ihnen ist die Künstlerin Gabriele Lucie Freudenreich aus Wien. Sie möchte durch ihre Teilnahme an LUX19 ihren eigenen Blick auf Geschlechterverhältnisse schärfen: „Mit zunehmendem Alter wird mir bewusster, wie sehr gesellschaftliche Verhältnisse mein Leben beeinflusst haben, was ich früher eher als individuelles Schicksal angesehen habe. Mit meinem Projekt möchte ich die Arbeit von Künstlerinnen weiter erforschen und Fragen zu Aspekten aus dem Arbeitsleben stellen. Wie laufen Arbeitsprozesse ab? Spielt Effektivität im Arbeiten eine Rolle? Welche Qualitätskriterien legen Künstlerinnen an ihre Arbeiten an? Welche Leistung bieten sie mit ihren Arbeiten in der Gesellschaft an?“

Birgit Szepanski untersucht mit wissenschaftlichen und künstlerischen Mitteln urbane Räume: „Es fehlt an einem Bewusstsein, dass Frauen Stadtgeschichte wesentlich mitgestalten. Im Raum der Stadt wird dies zum Beispiel in der Bezeichnung von Straßen und Plätzen deutlich.“ Gleichzeitig gebe es bisher nur wenige Arbeiten von Frauen über das Thema Stadt.

Irène Mélix und Theresa Schnell arbeiten unter dem Namen „team2“ zusammen. Sie kombinieren textile Arbeiten mit Recherchen zur lesbischen Literatur der 1920er Jahre, um der Frage nachzugehen, wie sich weibliches Begehren artikuliert.

Die Teilnehmerinnen von LUX19. Hinten v.l.n.r.: Beate Körner, Yvonne Kalinna, Irène Mélix, Dorothee Schaber, Carola Lantermann, Gabriele Lucie Freudenreich, Deborah Jeromin, Birgit Szepanski. Vorne v.l.n.r.: Gabriele Juvan, Josephine Findeisen, Regina Magdalena Sebald, Anja Claudia Pentrop. (c) GEDOK Mitteldeutschland e.V.

Es geht hier um nichts weniger als die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen“

Ein politischer Anspruch wird bei allen Künstlerinnen deutlich. So fordern Mélix und Schnell eine größere Repräsentation von Frauen in der Kunstszene: „Es wird nicht weiter möglich sein, in erster Linie Kunst weißer Männer zu zeigen. Der Kulturbetrieb wird sich den Schritt ins 21. Jahrhundert nicht sparen können. Darüber hinaus müssen bedeutend mehr Stimmen gehört und gefördert werden, die viele unterschiedliche weibliche Identitäten repräsentieren.“ Dabei wollen sie mit ihrer künstlerischen Arbeit über dichotome Gleichstellungskonzepte hinausgehen: „Obwohl die Identitätskategorien männlich/weiblich politisch weiterhin äußerst relevant sind, sind wir uns im Klaren darüber, dass sich Geschlechtsidentitäten mitnichten in diesen Gruppen fassen lassen. In unserer gemeinsamen Arbeit geht es dieses Jahr auch deswegen darum, oftmals ungehörten Stimmen lesbischen und queeren Begehrens Raum zu geben.“

Das Projekt LUX ist ausdrücklich politisch angelegt“, betonen auch Kalinna und Körner. Die offenen Debatten mit Publikum sind für sie ein wesentlicher Bestandteil: „Wer sich in gleichstellungspolitischen Debatten positioniert, trifft selbst innerhalb feministischer Kreise an vielen Stellen auf verhärtete Fronten. Manches, wofür die einen mit Leidenschaft kämpfen, halten andere für völlig nichtige Punkte. So entstehen teils unproduktive Streitsituationen, die der gemeinsamen Sache im Weg stehen. Noch komplexer und oft frustrierender wird es, wenn antifeministische Positionen Teil der Diskussion sind.“

Die Organisatorinnen vertreten eine queerfeministische Haltung: „Wichtig wäre, dass wir aufhören, in Begriffen wie ‚Kunst von Frauen*‘ zu sprechen. Wir setzen uns für ein Denken jenseits der Kategorien ein und hoffen, dass dies gesamtgesellschaftlich erreicht werden kann. Bis dieser lange Prozess zum Ende kommt, werden wir auf der Seite der Marginalisierten stehen.“

In der Kulturszene sehen sie Defizite vor allem beim geringen Frauenanteil in Entscheidungspositionen und der schlechteren Bezahlung von Künstlerinnen: „Wenn wir diese Situation im Laufe des kommenden Jahrzehnts in Teilen verbessern können, wäre schon viel getan.“

Gabriele Lucie Freudenreich ergänzt, dass sich die ungleiche Bezahlung von männlichen und weiblichen Künstler*innen sowohl in Ausstellungshonoraren als auch in Verkaufspreisen von Kunstwerken zeige. Für Irène Mélix und Theresa Schnell können solche Ungerechtigkeiten nur durch grundlegende Veränderungen beseitigt werden: „Selbstständigkeit muss in ihrem ganzen prekären Ausmaß ins Bewusstsein gerückt werden und es müssen fundamental andere Strukturen geschaffen werden, die ein gutes Arbeiten und Leben ermöglichen. Dazu zählen im engeren Sinne Ausstellungsvergütung, soziale Absicherung und Rente, aber auch verbesserte Kinderbetreuung und eine gesellschaftliche Anerkennung weiblicher Arbeit. Solange sich diese Gesellschaft auf unbezahlte Arbeit in den Bereichen Reproduktion und Kunst/Kultur verlässt, können keine grundlegenden Verbesserungen erreicht werden. Es geht hier um nichts weniger als die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, und welche Rolle Kunst und Kultur dabei spielen soll.“


Die nächste Open-Art-Factory findet vom 21. bis 23. Juni im Gohliser Wannenbad in Leipzig statt. Weitere Informationen hier.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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