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Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen

Ein Gespräch mit dem früheren Dessauer Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt

von | veröffentlicht am 10.04 2019

© Corax

2019 ist das Jahr, in dem über „100 Jahre Bauhaus“ nachgedacht wird. Das Bauhaus-Jubiläum ist für Halle, Dessau, Weimar, Berlin und andere Städte eine gute Gelegenheit, das Stadt-Marketing anzukurbeln. Für Transit und Radio CORAX sind andere Gründe relevant, sich mit der Geschichte des Bauhauses auseinanderzusetzen.


Immer wieder sprechen oder schreiben wir über kapitalistische Stadtentwicklung, Gentrifizierung, steigende Mieten und den (fehlenden) Platz für nichtkommerzielle Projekte. Ähnliche Fragen wurden schon vor hundert Jahren diskutiert – etwa, als es um eine soziale, gebrauchswertorientierte Architektur ging. Hannes Meyer (1889-1954) war ein Protagonist des Bauhauses, der über diese Fragen auf originelle Weise nachgedacht hat. Thomas Flierl und Philipp Oswalt haben dies in ihrem jüngst bei Spector Books erschienenen Buch „Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen“ herausgestellt. Wir nahmen dies zum Anlass, mit Philipp Oswalt ins Gespräch zu kommen. Philipp Oswalt ist Architekt und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel. Von 2009 bis 2014 war er Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau.

Corax: Wir wollen über Hannes Meyer ins Gespräch kommen, der das Bauhaus in Dessau von 1928 bis 1930 geleitet hat. Wie ist Ihr gemeinsames Buch mit Thomas Flierl entstanden und wie kam es überhaupt dazu, dass Sie sich intensiver mit Hannes Meyer beschäftigt haben?

Oswalt: Wenn ich mich das biographisch frage, geht es zurück in den Studentenstreik von 1989. Da hatte ich an der TU Berlin studiert und die Ausbildung war sehr schlecht. Wir sind ein Semester lang in den Streik gegangen und haben ein Symposium zur Frage organisiert, wie man Architektur besser unterrichten könnte. Ich hatte damals bei der Zeitschrift Arch+ angefangen und Nikolaus Kuhnert, einer der Herausgeber, hatte auf die Wichtigkeit von Hannes Meyer hingewiesen. Wir hatten Claude Schnaidt, den inzwischen verstorbenen Hannes-Meyer-Experten, eingeladen. Das war überhaupt meine erste Berührung mit dem Bauhaus. Insofern ist meine Annäherung an das Bauhaus über Hannes Meyer geschehen. In meiner Rolle als Stiftungsdirektor in Dessau war dann klar, dass der dort vorhandene Hannes-Meyer-Nachlass eine große Bedeutung hat und ich habe mich dafür eingesetzt, dass das Weltkulturerbe erweitert wird um die Hannes-Meyer-Bauten in Bernau und Törten. Das Buch kam zustande durch ein Projekt, das Thomas Flierl für die Bauhaus-Universität Weimar gemacht hat. Er hat mich hinzugezogen und so haben wir gemeinsam das Buch herausgegeben, das im Auftrag der Weimarer Bauhaus-Universität entstanden ist.

Hannes Meyer ist bekannt geworden als einer der Leiter des Bauhauses. 1927 wurde er zunächst als Meisterarchitekt ans Bauhaus in Dessau berufen, 1928 hat er dann die Leitung übernommen. Das heißt, Hannes Meyer stößt zum Bauhaus, als dieses schon ein Stück Weg seiner Geschichte hinter sich hatte: die Gründungsphase in Weimar um 1919, später die Vertreibung aus Weimar und den Umzug nach Dessau. Wo kam in dieser Situation Hannes Meyer her? Welche Wege haben ihn ans Bauhaus geführt?

Er kommt aus der Schweiz und ist ein Kind der Schweizer Genossenschaftsbewegung. Sein erster größerer Auftrag war ein Siedlungsprojekt bei Basel für eine Schweizer Genossenschaft, wo er dann auch selbst gewohnt hat. Das war sein Hintergrund mit einer sehr starken sozialen, wenn nicht sozialistischen Prägung. Seine ersten Projekte waren zunächst reformerisch-modern, auch mit Palladio-Bezügen. Mit seinem Partner Hans Wittwer hat er dann Aufsehen erregt. Mit ihm hat er zwei konstruktivistische Projekte gemacht. 1925/26 hat er einen Entwurf für die Petersschule in Basel gemacht und einen für den Völkerbund-Palast in Genf – zwei Entwürfe, die unverwirklicht blieben, aber europaweit rezipiert wurden, weil sie innerhalb der Entwicklung der konstruktivistischen Architektur sehr avanciert waren. Außerdem hat er sich einen Namen mit seiner Tätigkeit für die Zeitschrift ABC gemacht, wo er unter anderem mit dem holländischen Architekten Mart Stam und dem russischen Konstruktivisten El Lissitzky zusammengearbeitet hat.

Wie kam es dann zu seiner Berufung nach Dessau?

Das Versprechen einer Bau-Abteilung am Bauhaus gab es seit 1919. Meyers Vorgänger, Walter Gropius, hat dies aber lange nicht in Angriff genommen – wegen mangelnden Geldes, aber auch weil er die Bauaufträge an das Bauhaus für sein eigenes Architekturbüro privatisiert hat. Vielleicht wollte er keine Konkurrenz. Das war aber nicht mehr tragbar und insofern war klar: Nachdem das Bauhaus-Gebäude in Dessau eröffnet wurde, brauchte es eine Bauabteilung. Gropius wollte dafür eigentlich Mart Stam haben, der aber abgelehnt hat. Hannes Meyer war dann die zweite Wahl, hatte aber ein ganz ähnliches Profil: Er war ein „Linksfunktionalist“, also architektonisch stark an Gebrauch und technischen Möglichkeiten orientiert, verbunden mit einer sozialen Orientierung. Das ist das was Mart Stam, Hannes Meyer und auch J. J. P. Oud miteinander verband. Das war es, was Gropius interessierte, und ich denke, dass er eine gute Wahl getroffen hat.

Sie haben den Funktionalismus angesprochen – eines der Stichworte, das stark mit dem Bauhaus verbunden wird. Mit dem Bauhaus ist auch ein spezifisches Konzept der Lehre verbunden: die Vorkurse, ein kollegiales Verhältnis zwischen Lehrenden und SchülerInnen, die Verbindung von Forschung und Lehre, fächerübergreifendes Denken … Nun ist Hannes Meyer Leiter des Bauhauses geworden. Wie hat er am Bauhaus sein eigenes Fach geprägt?

Meyer kam 1927 ans Haus, als sich dieses in einer konzeptionellen Krise befand. Das ist wenig bekannt, weil es leicht zu übersehen ist: Publizistisch war das Bauhaus sehr erfolgreich, es hatte ein neues Gebäude errichtet, es erreichte ein gutes Presse-Echo und große Aufmerksamkeit. Aber das Versprechen an die Stadt Dessau, durch einen Produktivbetrieb ordentliche Einnahmen zu generieren, sich dadurch teilweise selbst finanzieren zu können und billigen Wohnungsbau zu realisieren – dieses Versprechen konnte Gropius nicht einlösen.

Das Konzept „Kunst und Technik – eine Einheit“ hatte in eine Sackgasse geführt. Das hat Georg Muche, einer der Bauhaus-Meister, schon Ende 1926 formuliert. Es gibt eine substantielle Krise und man streitet ein Jahr lang, Gropius macht keine Vorschläge. Die Zusammenarbeit mit der Industrie hat noch nicht funktioniert. Der Wohnungsbau, den Gropius in Dessau-Törten gemacht hat[1], hatte nicht nur funktionale Mängel, sondern er war erheblich teurer als konventioneller Wohnungsbau. Das Versprechen also des Bauhauses, billigen Massenwohnungsbau zu realisieren, wurde nicht eingelöst. Es gab eine Protestversammlung der Bürger: Tausend Bürger kamen im Tivoli zusammen und beschwerten sich über die Probleme mit der Gropius-Siedlung und dies führte auch zum Bruch der Sozialdemokratie mit dem Bauhaus.

In dieses konzeptionelle Vakuum stößt dann Hannes Meyer vor, als er ans Bauhaus kommt. Er hat Ideen und macht Vorschläge und wird dann zum Direktor berufen. Er versucht in der kurzen Zeit von zweieinhalb Jahren, mit den begrenzten Bewegungsspielräumen und Ressourcen, die er hatte, die bestehende Problemlage zu verändern. Er versucht einen Bauhaus-Stil – die Kanonisierung bestimmter Formen – über Bord zu werfen und eine stärkere Gebrauchsorientierung umzusetzen. Die Orientierung also an den Möglichkeiten, an den Zwecken, die die Gebrauchsobjekte und die Architektur haben. Es ist ihm einiges Bemerkenswertes gelungen.

Es kam dann die Zusammenarbeit mit Körting & Mathiesen für die Produktion der Kandem Leuchten [2], die sich schon angebahnt hatte, zu Stande und die Zusammenarbeit mit der Firma Rasch für die Bauhaus-Tapeten [3]. Tatsächlich wurde damit schrittweise möglich, substanzielle Einnahmen zu generieren und Meyer hat mit Dessau-Törten (die Laubenganghäuser, Anm. d. Red.) einen sehr brauchbaren Wohnungsbau realisiert. Aber genau die Änderungen, die er auf den Weg gebracht hat, haben ihn dann letztlich den Kopf gekostet. Er war noch kein Kommunist – was bisher immer die Hypothese war. Der Vorwurf, er wäre politisch umtriebig gewesen, war ein Vorwand. Real haben sich Albers und Kandinsky [4] daran gestört, dass sich unter Hannes Meyer die Rolle der Kunst verändert hat. Sie störten sich daran, dass Gropius’‘ Bauhaus konzeptionell geändert wurde – was aber bitter nötig geworden war. Das war jedoch nicht gewünscht, vor allem nicht von Ludwig Grote, dem damaligen Landeskonservator von Anhalt. Und dann hat man Meyer abgeschossen.

Bevor wir noch einmal näher auf Meyers Weggang vom Bauhaus zu sprechen kommen, würde ich gern einen genaueren Blick darauf werfen, wie architektonische Konzepte von Hannes Meyer aussahen. Sie haben schon die soziale Komponente, den „Linksfunktionalismus“ und die Gebrauchsorientierung angesprochen. Wie kann man sich das genau vorstellen? Was bedeutet ein Bauen für den Gebrauch?

Man muss sehen, dass Hannes Meyer mindestens fünf Phasen unterschiedlicher architektonischer Konzeptionen durchlaufen hat. Er hat ständig die Architektur und den Beruf des Architekten grundlegend in Frage gestellt und immer wieder versucht, neu zu denken. Die Phase am Bauhaus ist besonders produktiv und es ist insofern kein Zufall, dass es jetzt zum Weltkulturerbe geworden ist. Anders als Gropius hat er nicht die Vorstellung einer Typisierung, Normierung, Industrialisierung top down. Bei Gropius und Moholy-Nagy [5] gibt es die Vorstellung: Wir sind eine künstlerische und technische Elite und wie in einer zentralen Planwirtschaft schaffen wir eine optimale Lösung, die dann im gesellschaftlichen Maßstab umzusetzen ist. Das ist das Versprechen, das Gropius macht, und man könnte böse sagen, dass die DDR dieses Versprechen mit dem Plattenbau umgesetzt hat.

Aus der Genossenschaftsbewegung kommend und ähnlich den Vorstellungen aus der Kibbuzim-Bewegung in Palästina, hat Hannes Meyer eine Idee von bottom up: Mit den lokalen Kräften, den sozialen Akteuren, bezogen auf lokale Möglichkeiten Projekte zu entwickeln. Dies ist vielleicht sogar eine Art von proto-ökologischem Bauen. Er sagt beispielsweise zur Verwendung von Baustoffen: Wenn es lokal Ziegel gibt – was in Deutschland mit den Lehmgruben oft der Fall ist –, dann lasst uns Ziegel verwenden, wir müssen keinen Beton verwenden! Er fand die Obsession mit den modernen Baumaterialien Glas, Stahl, Beton albern. Er hat gesagt, dass es darum geht, diejenigen Materialien zu verwenden, die angemessen sind. Insofern weisen die Bauten in Törten und Bernau nicht den klassischen Bauhausstil mit weißen Fassaden auf. Sondern es sind Ziegelbauten, weil der Ziegel lokal preiswert zu haben war. Sie sind für den Gebrauch im Detail sehr durchdacht und deshalb funktionieren sie auch heute noch sehr gut.

Die Gropius’schen Bauten sind vielmehr vom Bild, vom Ikonographischen her gedacht, so hat es sich auch in den Medien, in Büchern und Filmen niedergeschlagen. De facto ist Gropius eigentlich gar kein Funktionalist. Wenn man es hart sagt, ist er ein Reklame-Architekt. Da kommt er her, da geht es hin: Es sind immer Schaubauten. Bei Meyer geht es nicht um den äußerlichen Effekt, sondern es geht um den Gebrauchswert.

Sie hatten aber gesagt, dass die Möglichkeiten von Hannes Meyer in seiner Schaffenszeit am Bauhaus sehr beschränkt waren. Was von dem, was er als Konzept entwickelt hat, konnte denn tatsächlich umgesetzt werden?

Es gibt einerseits den Wettbewerbsgewinn in Bernau [6] – das realisiert er in seiner Bauhauszeit unter Einbindung von Bauhaus-Studierenden. Und es gibt die Laubenganghäuser in Dessau [7], das war ein Auftrag von einer Genossenschaft. Die Abläufe waren damals nicht so zäh wie heute: Der Auftrag wurde 1929 erteilt und die Gebäude waren schon Mitte 1930 bezugsfertig. Das Projekt konnte also innerhalb eines dreiviertel Jahres realisiert werden. Dann gab es die Bauhaus-Tapeten und die Kamden-Leuchten-Produkte. Diese erreichten Produktzahlen von Zehntausenden.

Im Gegensatz zur Ära Gropius, wo die Produkte immer für ein gutsituiertes Bildungsbürgertum als „Lifestyle-Produkte“, sehr teuer, sehr luxuriös (sowohl die Bauten, als auch die Design-Objekte) verkauft worden sind, ist es in der Ära Meyer gelungen, zu einer Massenproduktion zu kommen. Das Manko dabei ist, wenn man so will, dass diese Produktionen nicht mehr den ikonographischen Wert haben. Man bekommt sie heute noch gebraucht, gar nicht so teuer (lacht!) – anders als ein Marianne-Brandt-Kaffeekännchen [8], das im Kunsthandel für mehrere hunderttausend Euro gehandelt wird.

Sie hatten schon erwähnt, dass es nur vorgeblich politische Gründe waren, die dazu geführt haben, dass Hannes Meyer im Jahr 1930 vom Bauhaus gehen musste. Was war denn letztlich der Anlass dafür?

Im Zuge der Arbeiten zum erwähnten Buch bin ich noch einmal in die Archive gegangen. Meines Erachtens ist der politische Vorwurf vorgeschoben. Er war zu dieser Zeit noch kein Kommunist – wenngleich er wenige Zeit nach seinem Weggang vom Bauhaus zum Kommunisten geworden ist, auch nach der traumatischen Erfahrung des Rauswurfs. Nichtsdestotrotz war er schon am Bauhaus links, er war ein Sympathisant. Ausgangspunkt des Rauswurfs war ein antisemitischer Hetzartikel aus der rechten Presse. Einer der Vorfälle, die ihm zum Vorwurf gemacht worden sind, war, dass ein Bauhaus-Student bei einer Bauhaus-Party im Fasching 1930 die Internationale gesungen hat. Daran sieht man schon wie lächerlich der ganze Vorgang ist. Wie kann das Absingen der Internationale auf einer Bauhaus-Faschingsparty den Rauswurf des Direktors begründen? Das war vorgeschoben.

Es war der Wille von Grote und Albers, von Kandinsky und anderen Bauhaus-Malern. Sie wollten stärker die klassische Kunsthochschule und nicht die gebrauchsorientierte Gestaltungshochschule. Das war ein konzeptioneller Konflikt. Natürlich spielt auch der politische Hintergrund im Jahr 1930 eine Rolle: In Thüringen gab es schon eine Regierung unter Beteiligung der NSDAP, die Schlemmer-Bilder wurden übermalt [9] und so weiter. Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gab es eine zunehmende Radikalisierung der politischen Kontexte. Ernst May [10] ging von Frankfurt nach Russland, Martin Wagner [11] verließ die SPD. Das hat natürlich auch etwas mit dem Zeitkontext zu tun.

Nach seinem Weggang vom Bauhaus ist auch Hannes Meyer zusammen mit Kollegen und Schülern nach Moskau gegangen. Was für ein Weg ist damit verbunden?

Das ist interessant und zu dieser Frage hat Thomas Flierl grundlegende Arbeit geleistet, denn die politische Geschichte war bisher noch gar nicht so klar. Und das ist auch erschreckend, denn Meyer wurde dann zu einem bekennenden Stalinisten und ist es bis zu seinem Tod geblieben. Auch nach seinem Exil in Russland war er in der Schweiz und in Mexiko im Parteiauftrag unterwegs. Das ist alles nicht sehr erfreulich. Er hat allerdings weder in der Sowjetunion noch in Mexiko richtig Fuß fassen können. Es ist insofern eine sehr tragische Biographie – für jemanden, der doch ein sehr fähiger Gestalter und Denker war. Das ist traurig. Er ist in die Mühlsteine der Weltgeschichte geraten und hat sich dabei nicht immer glücklich verhalten.

Ich würde abschließend gern einen Blick in das Buch werfen. Was ist das Neue in diesem Buch, was dort über Hannes Meyer zutage kommt? Wie ist das Buch aufgebaut?

Es gibt zum einen Reprints von Dokumenten, die bisher nicht zugänglich waren. Zum Teil haben wir diese Dokumente auch ins Deutsche übersetzt. Wir wollten die verschiedenen Formen und Vorstellungen, die Hannes Meyer vom Bauhaus hatte, einer Öffentlichkeit zugänglich machen. Diese Dokumente kommen aus Meyers Bauhaus-Zeit in Dessau sowie aus seiner Zeit in Moskau und Mexiko. Die verschiedenen Präsentationen Meyers sind so zum ersten Mal gebündelt verfügbar. Dies umfasst ein Drittel des Buches.

Der größere Teil des Buches umfasst zum anderen Essays, in der wir der Kommunikations- und Rezeptionsgeschichte nachgehen. An Hannes Meyer scheiden sich die Geister. Aber aufgrund seiner prägnanten Position befindet er sich im Zentrum vieler Debatten. Insofern spielt er eine wichtige Rolle in der Architekturgeschichte. Er war sicherlich ein Außenseiter. Aber er hat beispielsweise für den italienischen Rationalismus, in Dänemark und in Tschechien eine wichtige Rolle gespielt. Das sind Dinge, die kaum wahrgenommen werden. Er wird oft nur als isolierte, gescheiterte Figur wahrgenommen, aber das ist unzutreffend. Sein Einfluss war erheblich. Er hat auch schon vor seiner Bauhaus-Zeit in Europa für Furore gesorgt. Auch das zeigen wir in dem Buch auf.

Thomas Flierl und mich hat interessiert, dass Hannes Meyer immer wieder ganz grundlegende Fragen gestellt hat: Was soll der Architekt in der Gesellschaft? Was kann Architektur zur Gesellschaft beitragen? Er hat diese Fragen ohne Scheuklappen und ohne eine professionelle Verbohrtheit gestellt und wollte ihnen auf den Grund gehen. Dadurch sind es wesentliche Fragen, die uns heute immer noch beschäftigen. Es sind Positionen, die unterschiedliche Menschen, in unterschiedlichen Ländern, zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder bewegt haben. Es ist eine sehr spezielle Geschichte, aber sie ist besonders relevant und wurde bisher nicht entsprechend wahrgenommen. 


  1. Die von Walter Gropius konzipierte Wohnsiedlung in Dessau-Törten entstand 1926-28 und umfasst 314 Reihenhäuser. Sie darf nicht verwechselt werden mit den Laubenganghäusern, die Hannes Meyer 1929-30 realisierte, auf die wir später zu sprechen kommen.
  2. Kandem Leuchten ist eine Herstellungsfirma, die mehrere Bauhaus-Kollektionen produziert hat und bis heute Design-Lampen verkauft.
  3. Hannes Meyer unterzeichnete 1929 einen Vertrag mit der Tapetenfabrik Gebr. Rasch & Co. G.m.b.H., in dessen Rahmen 12 Tapeten für eine Tapeten- und Musterkollektion erarbeitet wurden. Sie entwickelten sich bald zu einem Verkaufsschlager und wurden zu einer wichtigen finanziellen Stütze für das Bauhaus.
  4. Josef Albers (1888-1976), Wasilly Kandinsky (1866-1944). Beide Maler am Bauhaus.
  5. László Moholy Nagy (1895-1946), Maler, Fotograf und Bühnenbildner. Von 1923 bis 1928 Lehrer am Bauhaus.
  6. In Bernau entstand 1928-1930 die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes – ein Komplex von Lehr- und Verwaltungsgebäuden.
  7. Es handelt sich um fünf Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 90 Wohnungen.
  8. Marianne Brandt (1893—1983), Designerin, Fotografin, Malerin und Bildhauerin.
  9. Oskar Schlemmer (1888-1943), Maler, Bildhauer und Bühnenbildner. 1930 war Schlemmers Wandgestaltung für das Weimarer Werkstattgebäude auf Anordnung des thüringischen Staatsministers für Inneres und Volksbildung übermalt worden.
  10. Ernst Georg May (1886-1970), Architekt und Stadtplaner. Von 1930 bis 1933 leitete er den Bau mehrerer sowjetischer Städte.
  11. Martin Wagner (1885-1957), Stadtplaner, Architekt und Stadttheoretiker.
Bauhaus und Gegenwart

100 Jahre Bauhaus – schon wieder ein Jubiläum. Dass eine Sache bereits 100 Jahre alt ist, sagt nichts darüber aus, ob diese Sache gut oder schlecht ist. Unsere Ausgabe macht deshalb klar: Das bloße Lob würde dem Bauhaus nicht gerecht werden. Es war selbst kontrovers, und innerhalb dieser Kontroverse versuchen die Beiträge der aktuellen Programmzeitung von Radio Corax Position zu beziehen.

Philipp Oswalt ist Architekt,Publizist und Professor an der Uni Kassel. Von 2009 bis 2014 war er Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau. Gemeinsam mit Thomas Flierl hat er kürzlich „Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen“ bei Spector Books herausgegeben.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

Das komplette Interview zum Nachhören:  www.freie-radios.net/93078.

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