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Ein Gym für Alle

Das Redore Gym will in Halle Kampfsport anbieten und dabei klare politische Haltung zeigen

von | veröffentlicht am 22.03 2019

© Redore

Viele Leute finden Kampfsport interessant und würden sich gerne mal darin ausprobieren. Allein, die Hürden sind hoch: Was ist, wenn ich nicht mithalten kann? Ist das nicht zu hart für mich? Und überhaupt: Was soll ich halbes Hemd mit drei Meter großen Muskelpaketen trainieren? Hinzu kommt in einigen Gyms durchaus eine mackerige Atmosphäre bis hin zu offenem Sexismus und Rassismus. All das sollten in Halle bald keine Gründe mehr sein, sich nicht dem Kampfsport zu widmen. Ab Mai wird das Redore Gym eröffnen. Tamer Le Gruyere sprach mit den Gründer*innen.


Warum braucht es in Halle einen weiteren Ort um Kampfsport zu trainieren?

Aus rein sportlicher Sicht haben wir eigentlich keine Existenzberechtigung. Halle steht gar nicht mal so schlecht da, betrachtet man das kampfsportliche Angebot gerade im Bereich Kick- und Thaiboxen. Wenn man sich in diese Vereine allerdings hinein begibt, steht man auf einmal vor Situationen, in denen einem in der Umkleide erklärt wird, warum die BRD eigentlich eine GmbH sei oder man findet sich beim Training neben Typen wieder, die Kontrakultur- oder „Weg mit dem NWDO (Nationaler Widerstand Dortmund, Anm. TLG) -Verbot“-Shirt tragen. Geht man zu einem Event, um einen Freund beim Wettkampf anzufeuern, trifft man da auch auf Neonazikader, die im Ring stehen. Niemanden stört das in den entsprechenden Vereinen. 

Wie kam dann die Idee auf, ein eigenes Gym zu machen?

Diese Erfahrungen waren die Initialzündung für die Idee ein Gymprojekt zu starten, welches politisch konsequent und für das die Ablehnung von Menschenfeindlichkeit nicht nur Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis ist. Die Motivationen, an dem Projekt mitzuwirken, sind recht verschieden, aber abgesehen vom obigen Punkt besteht bei uns auch der Konsens, dass wir Menschen mit Kampfsportaffinität zusammenbringen wollen, denen die Achtung der eigenen Grenzen und der Grenzen Anderer wichtig ist. Gerade im Kampfsport, der oftmals hart ist und mit Körperlichkeit einhergeht, ist es wichtig, sich darauf verlassen zu können, dass die Trainingspartner*innen nicht einfach ihren Frust oder ihre mangelnde Affektkontrolle aneinander ausleben. 

Wie fing das an?

Die Keimzelle des Gyms war eine Gruppe von Leuten, die sich in halleschen Kampfsport-Vereinen kennengelernt und aufgrund der als Missstand empfundenen Zustände in einem überschaubaren privaten Rahmen zum Trainieren getroffen hat. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda wurde die Gruppe immer größer. Es entstand der Wunsch nach besserem Equipment und verlässlich nutzbaren Räumlichkeiten. Außerdem gab es die Idee im kleinen Rahmen in der Stadt eine positive Entwicklung anzustoßen und so ist dann der Entschluss gefallen, das Projekt Kampfsportgym ernsthaft zu betreiben. Eine wichtige Motivationsquelle war sicherlich der angestaute Frust über die Zustände in der bestehenden Vereinslandschaft und wie diese systematisch Menschen mit gewissen Ansprüchen – zum Beispiel ohne Faschos zu trainieren oder beim Training nicht sexuell belästigt zu werden – die eigene Trainingstätigkeit und die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt.

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Wer das Gym finanziell supporten will, kann das über Startnext tun.

 

Aus diesem Frust zieht ihr die Konsequenz, dass im Redore Gym eine Atmosphäre herrschen soll, in der keine rassistischen oder mackrigen oder irgendwie diskriminierenden Sprüche vorkommen. Das ist natürlich erstmal ein guter Disclaimer. Doch was heißt das für euch in der Praxis?

Wir verfolgen nicht die Utopie, einen Raum schaffen zu können, in dem Diskriminierung ganz plötzlich aufhört zu existieren. Allerdings sind wir der Überzeugung, dass es möglich ist, diese Mechanismen aufzudecken um sie in unserem Verhalten und dem der Mittrainierenden zu erkennen und ihnen entgegen zu treten. Dazu gehört für uns ganz grundlegend der Ausschluss von Menschen, die sich in der rechtsextremen Szene bewegen, von antisemitischen Verschwörungstheorien schwafeln oder AfD-Rhetorik als etwas, das „man ja wohl noch sagen darf“ bezeichnen. Die Verbannung sexistischer Mechanismen bereitet uns noch Kopfschmerzen. Kampfsport ist ein stark männerdominierter Sport, was sich auch in unserem Projekt widerspiegelt und die Gründe dafür sind so vielschichtig, dass ein Antisexismus-Disclaimer nicht ausreicht.

Was dann?

Aktuell und in den nächsten Monaten werden wir uns in einem ständigen Prozess des Zuhörens, des Austausches und der Selbstreflexion befinden müssen. Diejenigen von uns, die sexistische Erfahrungen in Gyms gemacht haben, und alle Frauen*, die ins Redore Gym kommen, sollen dafür der Maßstab sein. Unabhängig davon setzen wir klare Grenzen bei frauen*verachtenden und homophoben Verhaltensweisen und Ideologien und werden auch dort von unserem Hausrecht Gebrauch machen.

Mal einfach gesagt: Was passiert, wenn eben doch ein mackriger Spruch kommt?

Wir erwarten von jeder Person, die ins Redore Gym kommt, die Fähigkeit Zuzuhören und das eigene Handeln zu reflektieren. Das heißt im Klartext: Jemand benimmt sich daneben, wird damit konfrontiert und kann sein Handeln überdenken. Ist diese Person dazu nicht bereit, kann sie vom Training ausgeschlossen werden. Wir wollen keine Leute lynchen, genauso wenig wollen wir verletzendes Verhalten ignorieren. Wir ermutigen alle dazu, auch uns selbst, offen über Dinge zu sprechen, die scheiße laufen oder uns daran hindern, entspannt ein gutes Training zu machen. Einige Dinge können wir präventiv verhindern. Für alles andere brauchen wir solidarische Strukturen und eine klare Absage an das weitverbreitete Augenverschließen.

Worauf werdet ihr beim Training – abgesehen vom solidarischen Miteinander – Wert legen? 

Im Allgemeinen ist es unser Ziel, das Training so zu gestalten, dass wir primär recht einsteiger*innenfreundlich sind. Uns geht es nicht darum 300 Leute in unserem Gym zu haben und aus diesen dann ein Wettkampfteam von 10 bis 15 Leuten zu formen, das dann bevorzugt trainiert wird, während alle anderen das Nachsehen haben. Stattdessen wollen wir uns darauf konzentrieren, solide technische Grundlagen zu vermitteln, so dass jede*r möglichst viel mitnimmt. Natürlich freuen wir uns auch über Leute, die Wettkampfambitionen haben, und wollen diese auch nicht zurückstellen. Unser Fokus liegt aber erstmal auf einem Training, wo der Spaß am Sport, eine lockere Atmosphäre und die Achtung der Grenzen der Teilnehmer*innen im Zentrum stehen. Am Ende des Tages machen wir aber Kampfsport – und Yoga – und natürlich wird bei uns auch ordentlich geballert.

Momentan werden Kampfsportevents in der linken Szene beliebter. Seit einigen Jahren gründen sich explizit linke Gyms und Gruppen oder machen Veranstaltungen. Welche Hintergründe hat das eurer Meinung nach?

Im Allgemeinen gewinnen verschiedene Kampfsportarten, aber insbesondere MMA (Mixed Martial Arts), an Popularität. Davon bleiben auch linke Kreise nicht unberührt. Ein spezifischerer Punkt ist, dass sich die radikale Rechte zunehmend im Kampfsportbereich professionalisiert. Um das Label White Rex aus Russland hat sich mittlerweile ein internationales rechtes Netzwerk etabliert, welches aus eigenen Marken und Veranstaltungsreihen, wie zum Beispiel dem „Kampf der Nibelungen“ in Deutschland, besteht. Diese Entwicklung gibt sicherlich linken Leuten das Gefühl, reagieren zu müssen und sich eigene Strukturen aufzubauen.

Des Weiteren bietet Kampfsport nun mal die Möglichkeit Gewaltanwendung zu trainieren und das eigene Unbehagen in der Kultur in gesellschaftlich akzeptierter Form auszuleben, Teil eines Männerbunds zu werden. In der Kampfsportwelt, auch in der populären, gibt es einen sehr positiven Bezug auf das Schinden des eigenen Körpers, das Zurschaustellen von Härte und Leidensfähigkeit. Oftmals werden traditionelle Bezüge sehr herausgestellt und abgefeiert, selbst wenn sie einen sehr mythischen Charakter haben, und diese traditionellen Bezüge gehen oft mit Sexismus Hand in Hand. Zum Beispiel werden in Thailand die kämpfenden Frauen in der Regel dazu angehalten unter den Ringseilen hindurch zu kriechen, während die Männer über das oberste Ringseil in den Ring steigen sollen. Diese Zustände in der Kampfsportwelt sind etwas, was progressive Menschen stören sollte.

 

Zudem sind autoritäre Strukturen in Gyms, auch informelle, keine Seltenheit. Nicht selten wird von Herren älteren Semesters Neuankömmlingen ordentlich eingeheizt, um die Hackordnung klarzumachen. Und erst wenn du in der Lage bist, dir eine gewisse Stellung qua Austeilen und Einstecken zu erarbeiten, wirst du irgendwann respektiert. Körperliche Züchtigung von Seiten des Trainierpersonals und die Androhung davon, kann man ebenfalls nach wie vor in gewissen Vereinen antreffen.

Dieses Konglomerat an Zuständen in Gyms, macht es Menschen, die kein Interesse haben, sich und anderen die eigene Härte beweisen zu müssen, Diskriminierung ablehnen und trotzdem gerne kampfsportlich aktiv sein wollen, nicht unbedingt leicht in einem Gym unterzukommen, in dem es erträglich ist zu trainieren oder sogar angenehm. Dieser Umstand ist sicherlich eine zentrale Triebfeder für die Entstehung von Gyms, wie dem unseren.

Seht ihr euch da ebenfalls als Teil einer Entwicklung?

 Wir würden uns da definitiv als Teil einer Entwicklung sehen, da wir aus diesen negativen Zuständen und Erfahrungen heraus den Plan für das Redore-Gym entwickelt haben. Allerdings bleibt es auch bei dieser negativen Bestimmung unseres Anliegens. Unser Anspruch ist Antisemit*innen, Rassist*innen, Sexist*innen, Homphobe etc. aus diesem Gym auszuschließen und gewisse Mindeststandards durchzusetzen. Aber weder verstehen wir uns alle als Teil der politischen Linken, noch ist das unser Anspruch an Neumitglieder. Auch die politische Linke ist voller Zumutungen, die wir in unserem Gym nicht haben wollen. Wir wollen mit dem Jugendwiderstand genauso ungern die Matte teilen, wie mit den Identitären.

Welche Kurse werden im Redore Gym angeboten?

Wir werden voraussichtlich drei- bis viermal die Woche Thaiboxen, einmal pro Woche Boxen, mindestens einmal die Woche Functional Fitness und Yoga anbieten. Mittel- und langfristig ist es unser Ziel die vorhandenen Angebote weiter zu ergänzen und auch Selbstverteidigung, Bodenkampf, wie Brazilian Jiu Jitsu und Submission Grappling, anzubieten. Und wir wollen weitere Trainingseinheiten für Boxen und Thaiboxen beifügen.

Wie hoch wird der Mitgliedsbeitrag sein?

Der Mitgliedsbeitrag ist aktuell noch ein umstrittenes Thema, da wir zum einen Sorge tragen wollen, dass die finanziellen Möglichkeiten einer Person keine Ausschlusskriterium für eine Mitgliedschaft sind. Zum anderen müssen wir aber auch schauen, dass wir nicht in drei Monaten pleite sind und aus den Räumen fliegen. Am wahrscheinlichsten ist im Moment ein Mitgliedsbeitrag von 20 bis 25€. Das steht aber noch nicht fest und wir behalten uns auch vor, ein gestuftes Beitragssystem einzuführen.

Ab wann kann man im Redore Gym trainieren?

Die Eröffnung wird am 2. Mai stattfinden. Nach dem Ende des Crowdfundings werden wir im April noch einiges an Arbeit in die Räume stecken müssen, damit es im Mai losgehen wird

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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