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Ausstellung „Hotel Global“ – ein Besuch von halle postkolonial

Mit Fairtrade gegen die Ungerechtigkeiten der Globalisierung und die erfolglose Suche kolonialer Zusammenhänge

von | veröffentlicht am 25.03 2019

© halle postkolonial

Die Franckeschen Stiftungen in Halle zeigen derzeit im alten Waisenhaus die Wanderausstellung "Hotel Global", eine interaktive Ausstellung für „Kinder und Familien“. Entwickelt wurde diese vom FEZ-Berlin, Europas größtem gemeinnützigen Kinder-, Jugend- und Familienzentrum. Schirmherrin des Projektes ist die Primatenforscherin Jane Goodall. Sie sieht in dem Projekt die Möglichkeit, jungen Menschen die globale Wechselwirkung von Konsum und Wirtschaft, Kommunikation, Mobilität und Kultur näher zu bringen. Im Kontext der Missionsgeschichte (siehe Infokasten) rund um die Franckeschen Stiftungen haben sich zwei Menschen von halle postkolonial die Ausstellung einmal genauer angesehen.


Kolonialgeschichte bleibt ausgeblendet

Es reicht zunächst ein kritischer Blick auf die Homepage von Hotel Global, um zu erkennen, wie die komplexen globalen Zusammenhänge verharmlost werden. So wird die koloniale Besiedlung der Europäer Südamerikas, die von mehreren Genoziden begleitet wurde, als notwendige Migration aufgrund schlechter Lebensbedingungen bagatellisiert und der altbekannte Christopher Kolumbus als „Wiederentdecker“ Lateinamerikas in der Rubrik Seefahrt als einziger Bezug kolonialer „Entdeckungsreisen“ herangezogen.

Eine historische Einordnung kolonialer Vergangenheit und deren Bezüge zu einer globalen Gegenwart fehlen jedoch nicht nur im Internetauftritt, sondern auch in der Ausstellung selbst. Viel mehr erscheint Globalisierung als ein natürliches menschliches Phänomen mit Chancen und Schattenseiten, von Goodall zärtlich als „Probleme“ bezeichnet. Die Macher*innen sind sich dabei nicht zu schade, den Gewinner*innen der Globalisierung, den weißen-deutschen Weltenbummler*innen, einen Platz für deren kolonialrassistischen Fantasien zu geben: So sinniert Mahmoud, der zuvor Bernd hieß, sich jedoch umbenannte, in einem Internet-Video der Homepage über den kulturellen Zerfall der „Wüstenbewohner“ durch die zunehmende Modernisierung. Während er in jahrelanger Tradition zwischen „der deutschen und der arabischen Kultur“ hin- und herpendelt, stellt er erschrocken fest, dass diese nun auch „Handys und Satellitenschüsseln“ hätten. Die „Ursprünglichkeit“ dieses für ihn „ganz besonderen Ortes“ sei damit dahin – der Globalisierung sei Dank!

Die Ausstellung selbst ist für junge Menschen sicher ein spannendes und alltagsnahes Erlebnis, aus dem sie einiges an Wissen zehren können. Bleibt jedoch die Frage, welche versteckten Botschaften in der Umsetzung schlummern.

„Fairtrade“ als Lösung globaler Ungleichheiten

In dem Versuch aufzuzeigen, dass die globale Welt Ungleichheiten mit sich bringt, findet vorschnell eine Einteilung in gut versus böse statt. Während böse mit falsch gleichgesetzt wird, wird gut zu richtig oder gar zu gerecht. So wird exemplarisch über den Konsum von Alltagsgegenständen wie Klamotten oder Nahrungsmitteln eine moralische Ebene propagiert, in der es nur eine Möglichkeit gibt, korrekt, also richtig und gut, zu handeln. Denn eine entsprechende Lösung für das globale Ungleichgewicht liegt schon auf der Hand: Fairtrade als Schlüssel für gerechte Bezahlung und ein friedliches Miteinander. Das Fazit, so als Zitat in der Ausstellung zu finden: „Wenn du dieses Siegel kaufst, kannst du dir sicher sein, dass die Arbeiter einen gerechten Lohn für ihre Arbeit bekommen haben“ – Problem gelöst. Heißt im Umkehrschluss jedoch: Wenn du dieses Siegel nicht kaufst, unterstützt du ein ausbeuterisches System. Dass diese Produkte für viele Menschen nicht leistbar sind, bleibt ebenso unerwähnt wie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Produktlabel und das Aufrechterhalten hegemonialer Ungleichheiten.

Wer zu Wort kommt – und wer nicht

Gerahmt wird das Ganze durch die herabwürdigende Darstellung von Menschen aus dem globalen Süden. Diese treten als unsichtbare Arbeiter*innen auf, so wie Fatima, das fiktive „marokkanische Zimmermädchen“, in dessen winzigem Zimmer sich neben einer Bügelstation lediglich ein Kleiderschrank voller Klischees befindet. Durch den Rückgriff auf billige Stereotype wird eine starre (westliche) Kulturvorstellung vermittelt. Die arbeitenden Menschen selbst werden nicht repräsentiert. Stattdessen werden sie als Fiktionen mit Geschichten und Worten neu erschaffen, sprachlich unterstützt durch vermeintliche Akzente, um ihre „Andersartigkeit“ auf allen Ebenen zu unterstreichen. Ein rassistisches Vorgehen, das die Arbeiter*innen nicht selbst sprechen oder gar als real existierend erscheinen lässt, sondern stattdessen die Annahme vertritt, authentisch für sie sprechen zu können. Ganz nach dem Motto: Ein paar falsche Artikel verwenden und ein paar „kulturelle Stereotype“ – fertig ist die Repräsentation. Demgegenüber werden die übrigen Räume mit den Erfolgsgeschichten real existierender weißer Intellektueller gefüllt. Diese reisen um die Welt (in 80 Tagen), betreiben Primatenforschung (Jane Goodall hat einen eigenen Raum in der Ausstellung) oder sind im Besitz einer erfolgreichen österreichischen Chocolaterie. Die Ungleichheit wird damit direkt fortgeführt: Im Gegensatz zu den erfundenen Arbeiter*innen, werden diese Menschen als real existierende Subjekte sichtbar und personifiziert, nicht zuletzt dadurch, dass sie ihre Geschichten selbst erzählen.


Zurück bleibt der Trugschluss, Globalisierung lediglich als Phänomen einer sich modernisierenden Gesellschaft zu betrachten


Zum Abschluss wird mit der Vergabe des Weltbüger*innenpasses die Schönheit der Utopie einer Welt gezeichnet, in der zwar einiges aus dem Gleichgewicht zu sein scheint, aber dennoch weiterhin Platz für koloniale Romantik und Unterdrückung bleiben darf. Und wem das nicht weit genug geht, kauft eben eine Tafel Fairtrade-Schokolade.

Zurück bleibt der Trugschluss, Globalisierung lediglich als Phänomen einer sich modernisierenden Gesellschaft zu betrachten, woraus folgt, dass die Wurzel dessen, nämlich die koloniale Vergangenheit Europas, völlig ausgeblendet bleibt. Nach dieser Aufarbeitung und Verknüpfung suchen wir jedoch in dem gesamten Gebäudekomplex, in dem die Ausstellung aufgebaut ist, vergeblich. So wird die Missionsgeschichte Franckes als glorreiche Vermittlung von Werten und Wissen auf Augenhöhe gefeiert, die sich heute in interkulturellen Projekten wie dem Ziegenbalghouse in Tharangambadi manifestiert. Wir sind wütend, dass die ausbeuterische Kolonialgeschichte sowohl in Hotel Global als auch dem gesamten Waisenhaus in diesem Kontext ausgeblendet und in neuem Gewand fortgeführt wird.

Infokasten Missionsgeschichte:

Nach eigenen Angaben der Franckeschen Stiftungen begann 1706 die erste organisierte Missionsunternehmung der protestantischen Kirchengeschichte als Dänisch-Hallesche Mission. Mit dem Ankommen der Theologen Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau in den dänischen Kolonien in Südostindien, damals „Tranquebar“ genannt, startete die Durchsetzung lutherischer Gemeinden, von den Stiftungen damals und heute als „interkultureller Dialog“ bezeichnet. Eine mangelnde Auseinandersetzung dieser kolonialen Bezüge der Franckeschen Stiftungen wird u.a. durch die konsequente Bezeichnung des Ortes „Tranquebar“ ersichtlich, der nach Unabhängigkeitsbestreben inzwischen in Tharangambadi umbenannt ist.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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