HaSi bleibt!

Triumph des Kleinmuts

Kommentar zur Nichtverlängerung von Opernintendant Florian Lutz in Halle

von | veröffentlicht am 26.02 2019

© Transit

Am 22. Februar entschied der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, die Amtszeit des derzeitigen künstlerischen Leiters der Oper nicht über das Jahr 2021 hinaus zu verlängern. Die Entscheidung und die ihr vorausgehenden teils öffentlich, teils intern ausgetragenen Kontroversen bei den halleschen Bühnen sorgen derzeit in der Stadt für eine nicht gekannte Polarisierung. Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen aktuellen Kommentar von der Seite "nachtkritik.de", dessen Inhalte bereits selbst wiederum zum Gegenstand heftiger Diskussionen geworden sind. Umso stärker die Debatte vor der Entscheidung aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden sollte, umso heftiger scheint sie sich nun Bahn zu brechen.


Doch, sie können Theater in Halle, und wie! Die Dramaturgie ist selbst in der Niederlage auf fast gespenstische Weise perfekt, als sich am Freitagabend wenige Stunden nach Bekanntgabe des Votums des Aufsichtsrats der Vorhang ausgerechnet zur Premiere von Richard Strauss’ Oper „Ariadne auf Naxos“ hebt. Nicht wenige der Premierenbesucher fragen sich wohl, ob die Entscheidung des Aufsichtsrats, Florian Lutz‘ Vertrag nicht zu verlängern, nicht doch nur ein aberwitziger Traum ist, aus dem man schleunigst aufwachen möchte.

Die Entscheidung hat sich längst herumgesprochen, tatsächlich schnappt man in der Pause ungläubige, betroffene Kommentare auf. Von Premierenbesuchern in den besten, durchaus vorgerückten Jahren, womöglich sogar Abonnenten. Die nämlich keineswegs sich nahezu geschlossen abgewandt haben von den innovativen, oft partizipativen und ja, auch politisch fordernden Neuproduktionen der Ära Lutz. Aber immer wieder hieß es, die treuen Abonnenten seien vergrault worden, die Älteren wanderten ab, dafür käme jüngeres Publikum, aber nicht genug. Spricht man mit Hallenser Kollegen, hört sich das anders an. Es kämen andere Leute, neue Gesichter, auch viele jüngere, aber die älteren seien keineswegs weg, es gäbe sogar glühende Fans unter den Alt-Abonnenten, berichten die Kollegen. Das aber scheint zu komplex für einfache Antworten und spricht gegen die gebetsmühlenartig wiederholten Verlautbarungen vom hochnäsig abgehobenen Experiment ohne Zuschauer.

Kommentar auf den Theaterstreit – und famose Ensembleleistung

Ausverkauft ist die Premiere von „Ariadne“ allerdings nicht, aber Strauss‘ Meta-Oper ist auch kein Kassenschlager wie „Der Rosenkavalier“ oder „Salome“. Als hätte man’s geahnt, geht es in „Ariadne“ genau um die zentralen Fragen des Hallenser Theaterstreits: Nämlich um die Freiheit der Kunst und darum, wie weit Geldgeber in die Kunst hineinregieren dürfen. Darum, wie schwer in der Zumutung und tief im Anspruch gute Kunst sein darf, oder ob sie vielleicht doch besser nur unterhalten sollte? Und um die Analogie auf die Spitze zu treiben, geht es in „Ariadne“ auch um sozusagen hausinterne Theater-Querelen, um eitle, rampengeile Künstler, selbsternannte Genies, Pragmatiker, knochentrockene Verwalter und um aalglatte, sich den jeweiligen Machtverhältnissen anpassende Vermittler (sprich: Dramaturgen, Presseleute).

Und das alles nun wird serviert von Regisseur Paul-Georg Dittrich, ein aktuell ziemlich gehypter Jungregisseur auf der Überholspur, der auf seine Weise für die Ästhetik der neuen und demnächst schon wieder beendeten Hallenser Dramaturgie steht. Dittrich arbeitet stark mit Brüchen, schiebt im ersten Teil historische Filmschnipsel zum Thema Kunstfreiheit ein – von der Strauss-Zeit über Brecht bis Ai Weiwei – und spart auch im zweiten nicht mit Videos. Sebastian Hannak, der auch die beiden spektakulären und umstrittenen Raumbühnen „Heterotopia“ und „Babylon“ baute, bleibt diesmal zwar brav im Bühnenkasten, setzt aber abgesehen vom angedeuteten Wiener Musikvereinssaal nicht auf Opulenz, sondern auf anspielungsreiche Kargheit.

Dittrich erzählt die konstruierte Handlung kunstvoll auf mehreren Ebenen und mit laufend einander sich überbietenden Brüchen, es ist viel los auf der Bühne, selbst bei den endlosen Ariadne-Monologen ist das übrige Personal aktiv und fängt so die Längen des Werks ab. Eine intelligente, handwerklich makellose Regie-Arbeit, Michael Wendeberg im Graben animiert die Staatskappelle Halle zu rhetorisch lebendigem Spiel und süffigem Wohlklang, die eminent schweren Sängerpartien sind solide bis herausragend besetzt, insbesondere ein Neuzugang, die Sopranistin Liudmila Lokaichuk in der Mount-Everest-Rolle der Zerbinetta ist phänomenal, insgesamt eine famose Ensembleleitung, was ja auch ein Verdienst des Opern-Leitungsteams ist.

Obwohl es sonst bei Premierenabenden, die der „neuen“ Ästhetik verpflichtet sind, in Halle häufig auch Protest fürs Regie-Team gibt, ist diesmal die Begeisterung einhellig und demonstrativ. Das in der Struktur gut durchmischte Publikum feiert alle Beteiligten.

Krisen, Kabalen und Katastrophen einer Laufbahn

Nicht unter den Premierengästen (wie immer, wie die Hallenser Kollegen versichern): der Geschäftsführer Stefan Rosinski, erklärter Gegner der Opernleitung, der nun offenbar am Ziel ist (wenn er sich nicht zu früh freut), denn in der (polemisch überspitzten) Stellungnahme der Opernleitung zur Entscheidung heißt es : „Wir bedauern natürlich, dass heute in einer denkbar knappen Abstimmung die Entscheidung in Richtung eines Generalintendantenmodells unter der Leitung von Geschäftsführer Stefan Rosinski gefällt wurde.“ Wenn man Rosinskis Biographie liest (und innerlich ergänzt um die unerwähnten Krisen, Kabalen und Katastrophen seiner Laufbahn) wird überdeutlich: Dieser Mann fühlt sich für alles begabt und hat sich wohl immer als zu Unrecht verhinderter Intendant empfunden.

Doch Rosinskis unverhohlener Machtpoker, den er laut Schauspielchef Matthias Brenner durch „Übergriffigkeit, Vertrauensbruch und Störung des Betriebsfriedens“ nun durchsetzte, konnte nur funktionieren, weil Rosinkis Störfeuer allenthalben Ressentiments und politische Instinkte weckte. Wie an jedem Theater ziehen auch in Halle nicht immer alle an einem Strang. Es gab auch innere Widerstände. Unter den traditionell konservativen Musikern, die mit über 100 Köpfen das größte Kollektiv im Haus stellen, soll es nicht wenige AfD-Sympathisanten geben [Anm. d. Red.: Auf unserer Seite erschien am 19.04.2018 ein Beitrag über die Unterzeichner der neu-rechten „Erklärung 2018“ – auf der Liste, Stand 23.03.2018, befindet sich auch der Name eines Musikers und früheren Orchestervorstandes der Staatskapelle Halle], und jener ominöse Brief an den Aufsichtsrat von Anfang Februar stammt ja nun auch vom Orchestervorstand.

Strategisch und ökonomisch gegen Innovation?

Politische Überlebensinstinkte waren es wohl dann auch, die letztlich das Zünglein an der Waage bei der Abstimmung im Aufsichtsrat zum Ausschlagen brachten. Wobei die Frage erlaubt sein darf, ob eine geheime Abstimmung eines Aufsichtsrats, in dem Vertreter der politischen Parteien, der parteilose Oberbürgermeister und drei Theater-Leute (der Vorsitzende des Gesamtsbetriebsrates, der stellvertretende Ballettdirektor und ein Sänger) sitzen, eigentlich angemessen ist angesichts einer Frage von solcher Tragweite? Warum wird so etwas nicht öffentlich im Stadtrat verhandelt? Welche Leute kommen warum zu der Ehre, in den Aufsichtsrat einzurücken?

Wie auch immer, wie man hörte, gab es zwei Wahlgänge, beim ersten eine Stimmengleichheit, woraufhin eine Unterbrechung beantragt wurde. Bis zum nächsten Wahlgang muss allerhand passiert sein in den Köpfen der dann überraschend Umgestimmten. Florian Lutz steht für innovatives, manchen provozierendes, oft politisches, immer verspieltes, engagiertes Theater. Nichts für Theatergänger mit stramm konservativen Ansichten, die von „werktreuen“ Aufführungen der „Klassiker“ träumen und keinerlei Eingriffe ins Material wollen.

Was von dieser Klientel gewünscht ist, weiß man aus Partei-Programmen und kulturpolitischen Zwischenrufen von AfD-Mitgliedern. Im Mai stehen in Sachsen-Anhalt Kommunalwahlen an. Sowohl die CDU als auch die SPD fürchten erdrutschartige Verluste zugunsten eines weiteren Erstarkens der AfD. Vielleicht lässt sich so erklären, warum man mit einem Entscheid gegen die Innovation im Theater Halle einer potentiellen AfD-Wählerschaft sozusagen „entgegenkommen“ möchte.

Das aber ist nicht nur politisch fatal, sondern strategisch und auch ökonomisch völlig verfehlt. Denn es ist keineswegs so, dass Florian Lutz‘ Oper nur dem Feuilleton gefällt und das Publikum wegbleibt. Das Gegenteil ist der Fall. Schon jetzt, Ende Februar, kann das Haus fast 60.000 Besucher in dieser Saison nachweisen. Dabei kommt mit Peter Konwitschnys Händel-Inszenierung im Mai noch ein sicherer Knüller auf den Spielplan. In der Stellungnahme heißt es ferner: „Mit gut 1.140.000 € Einnahmen wurden nach heutigem Stand 80.000 € mehr Erlöse erzielt als im Wirtschaftsplan vorgegeben.“ Gemeint ist hiermit allerdings nicht diese laufende Spielzeit, sondern das Geschäftsjahr 2018. Jedenfalls klingt das alles nicht nach Niedergang, sondern eher nach einer Erfolgstendenz. Was für ein Irrsinn!


Mehr zum Thema unter anderem in einem Interview von Deutschlandfunk Kultur mit Matthias Brenner, dessen Vertrag als künstlerischer Leiter des neuen theaters Halle im Gegensatz zu jenem von Lutz verlängert wurde.

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Der Kommentar erschien zuerst auf nachtkritik.de und sorgt dort für teils heftige Diskussionen in der Kommentarspalte.

Die Autorin, Regine Müller, Jahrgang 1962, studierte Musik, Germanistik und Philosophie, arbeitete an der Deutschen Oper am Rhein als Pressesprecherin und Dramaturgin. Seit geraumer Zeit ist sie freie Kulturjournalistin mit dem Schwerpunktthema Musiktheater u.a. für nachtkritik.de, taz, Welt und WDR.

Der Beitrag erschien zuerst am 23.02.2019 auf nachtkritik.de. Er gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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