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„Wendekinder“

Interview mit Elke und Irene über das Frauenzentrum Weiberwirtschaft und Dornrosa e.V.

von | veröffentlicht am 10.01 2019

© Transit | CC-BY-NC 2.0

Seit 1991 bietet der Dornrosa e.V. einen Raum, in dem sich Frauen engagieren, untereinander vernetzen, sich selbst und andere bilden können. An der Notwendigkeit feministischen und queeren Engagements hat sich seither nichts geändert, an der konkreten Praxis hingegen schon.


Transit: Was ist das Frauenzentrum Weiberwirtschaft bzw. der Verein Dornrosa?

Elke: Die meisten kennen uns als Weiberwirtschaft, aber die wenigsten wissen, dass der Verein dazu Dornrosa e.V. heißt und „Weiberwirtschaft“ sich auf den Ort, das Frauenzentrum, bezieht. Das liegt daran, dass es zuerst das Frauenzentrum gab und der Verein ein halbes Jahr später dazu kam. Es hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch Weiberwirtschaft durchgesetzt und bis zu unserem Umzug hierher stand auch immer Weiberwirtschaft am Gebäude dran.

Beide, das Frauenzentrum und der Verein, sind Wendekinder. Die Idee ein autonomes Frauenzentrum zu schaffen, also einen Ort, an dem Frauen etwas für sich machen können, ist schon in der zweiten Hälfte der 80er Jahre entstanden, aber erst in der Wendezeit verwirklicht worden.

Worin besteht Eure Arbeit? Welche konkreten Projekte verfolgt Ihr?

Elke: Viele kennen uns noch als Frauenselbsthilfezentrum. Irgendwann war auch noch dieser Name im Gebrauch, steht aber nirgendwo in der Satzung und wir sind schnell davon weggekommen. Bei Dornrosa e.V. engagieren sich Mitfrauen, egal welchen Geschlechts – wir haben auch männliche Mitfrauen –, um Frauen einen Ort zu geben, wo sie sich treffen können, wo sie Aktionen starten und sich verwirklichen können, sei es künstlerisch oder in anderer Hinsicht. Und manchmal stellen wir einfach nur unsere Räumlichkeiten zur Verfügung, damit sich Frauen selbstbestimmt und völlig unabhängig von uns treffen und ihre Projekte und Initiativen realisieren können.

Aber natürlich haben wir auch eigene Projekte. Da sind z.B. die Veranstaltungswochen des Q. (sprich: KJU_POINT) oder die Halleschen Frauenkulturtage, die nach über 20 Jahren schon eine feste Größe in der Stadt sind.

Am 8. März sind wir immer dabei. Vorher, am 14. Februar, beteiligen wir uns an der Organisation von „One Billion Rising“. Der nächste Höhepunkt ist Equal Pay, wo es um Entgelt-Gleichheit geht und am 17. Mai ist dann schon der IDAHIT (International Day Against Homo- Inter- and Transphobia). Am ersten Samstag im September findet der CSD statt und bei den Wochen im Vorfeld bieten wir auch immer mindestens eine Veranstaltung an. Nach Q. und Frauenkulturtagen findet dann am 25.11. der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen statt, den wir derzeit (Mitte Oktober) vorbereiten.

Darüber hinaus sind wir in größere Zusammenhänge eingebunden, wie z.B. den Frauenpolitischen Runden Tisch in der Stadt Halle, den Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V., in dem alle Frauenzentren vertreten sind, und über das Ministerium für Justiz und Gleichstellung haben wir aktiv seit 2011 am Landesprogramm für ein geschlechtergererechtes Sachsen-Anhalt mitgearbeitet.

In kultureller Absicht treffen sich hier die Strickfrauen, die alte Handwerkskünste pflegen und jeden Donnerstag der Chor MissKLANG. Darüber hinaus treffen sich bei uns in der DDR geschiedene Frauen, ein feministischer Lesekreis, die Gruppe schreibender Frauen, ProsaLy, und in einer lesbisch-queeren Richtung der L*-Stammtisch. Sonst sind wir, wie gesagt, auch oft Gastgeber für Gewerkschaften, politische Gruppen, usw., die unsere Ressourcen nutzen können.

Q. organisiert seit 2013 u.a. Vorträge, Workshops, Kunstausstellungen und Filmvorführungen zu feministischen und queeren Themen unter dem Dach von Dornrosa e.V. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Elke: Unter anderem kam die Idee von Frauen des L*-Stammtischs und von Leuten, die bei den Queer-Movie-Nights dabei waren. Letztere waren manchen zu einseitig. Dort gab es zwar auch mal die ein oder andere Lesung oder Diskussion, aber viel mehr, wie z.B. Workshops, passten da nicht mehr ins Format. Aber gerade die jüngeren Leute, die im Laufe der Zeit dazu kamen, wollten auf diesem Gebiet mehr machen. Es wurde daher nach einem neuen Veranstaltungsformat gesucht. Mittlerweile finden die Q.-Wochen zum sechsten Mal statt.

Hier sind ja schon ganze Generationen durchgegangen. Irgendwie wächst das alles zusammen.

Wie hat das Zusammenkommen von jüngeren Menschen aus dem queeren Kontext und Frauen, die aus der zweiten Frauenbewegung kommen, funktioniert? Gab es da Streitpunkte?

Irene: Die Frage habe ich mir tatsächlich auch gestellt, als ich mein Praktikum hier Anfang Oktober angefangen habe. Der Fokus liegt hier ja hauptsächlich auf Frauen. Von queerer Seite wird dann oft vorgebracht, dass da andere Geschlechtsidentitäten fehlen. Aber ich habe da bisher keine großen Konflikte erlebt. Was ich jetzt in der kurzen Zeit mitbekommen habe, ist, dass man über Sachen diskutieren kann. Z.B. in welchen Kategorien gedacht wird.

Elke: Hier sind ja schon ganze Generationen durchgegangen, die das Dornrosa begleitet und geprägt haben. Irgendwie wächst das alles zusammen. In Bereichen, wie z.B. beim Frauenpolitischen Runden Tisch in der Stadt Halle, wo eher Frauen, die aus der zweiten Frauenbewegung kommen, aktiv sind, versuchen wir, dass auch hier der Staffelstab an die jüngere Generation weitergegeben wird. Aber so gut wie beim Q. haben wir das dort noch nicht geschafft.

Aber dadurch, dass wir offen sind und uns mit den Dingen auf einer sachlichen Ebene auseinandersetzen, sind hier noch keine Torten durch die Gegend geflogen und wir haben uns auch noch nicht die Augen ausgekratzt. Solche Klischees können wir leider nicht bedienen. (lacht) Wir suchen immer einen konstruktiven Dialog und nach einem Konsens. Ob damit alle am Ende glücklich sind, ist eine andere Frage. Aber manchmal muss es eben auch einen Kompromiss geben.

Irene: Was ich so wahrnehme, ist, dass eine Sensibilität für Diskriminierung und Benachteiligung da ist, und dass es da verschiedene Aspekte gibt. Und auch wenn da der Fokus unterschiedlich gesetzt wird, ist es wichtig, dass am Ende alle an einem Strang ziehen.

Dornrosa gibt es als Verein seit 1991. Eure Geschichte ist zu Beginn auch umkämpft und es kam unseres Wissens nach u.a. zu einer Hausbesetzung. Heute seid Ihr in Halle eine etablierte Institution. Wie blickt Ihr auf Eure Geschichte in der Stadt zurück?

Elke: Ich kenne vieles nur aus Erzählungen von Frauen, die von Anfang an dabei waren. Ich selbst bin erst seit 1998, nachdem ich aus Leipzig zurückgekommen bin, hier engagiert.

Die Idee eines autonomen Frauenzentrums entstand 1986 und ging auf eine autonome Frauengruppe zurück, die sich im Zuge der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) in Halle gegründet hat. Neben der Frauengruppe aus Halberstadt hat es die auch am längsten gegeben. In der Wendezeit haben sich dann andere Frauen der UFV-Gruppe angeschlossen. Das war die Gruppe, die später das Haus in der Großen Steinstraße besetzt haben. Daraus ist die Idee entstanden, ein Galeriecafé zu schaffen, in dem sich Frauen treffen und auch selbst Kunst machen können. Deshalb war hier der Namen Frauenselbsthilfezentrum geläufig.

Noch während die Räume renoviert wurden, kam jedoch der Alteigentümer und so musste ein neuer Ort gefunden werden. Die Weiberwirtschaft – damals noch ohne Verein – ist dann zum Harz, schräg gegenüber der Druckerei John, gezogen. Es war damals relativ, leicht durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Stellen zu schaffen und so waren zeitweise bis zu 21 Frauen bei uns beschäftigt. Um das verwalten zu können war es notwendig, dass ein Verein – der Dornrosa e.V. – gegründet wurde.

Beim Harz wurde alles zu klein und es wurde auch alles professioneller. Die Stadt hat dann Räume am Robert-Franz-Ring vermittelt, uns bei der Miete unterstützt und eine Mietpreisbindung für zehn Jahre erwirkt. Nach der Laufzeit mussten wir uns dem Druck des Eigentümers beugen und so haben wir zusammen mit der Stadt einen neuen Raum gesucht. Seit Sommer 2007 sind wir jetzt hier.

Warum sollten wir nicht unsere eigenen Erfahrungen machen dürfen? Die Westfrauen wussten ja gar nicht genau, wie das bei uns alles ablief, was unsere Empfindlichkeiten anging.

Was bedeutete die Wende für Frauen und feministische Politik in Halle?

Elke: Es gab auf alle Fälle viel Bewegung. Viele aktive Frauen, u.a. vom UFV und dem Neuen Forum, haben sich zu Gesprächskreisen in der St.-Georgen-Kirche getroffen. Dabei haben wir auch die Einflüsse aus dem Westen diskutiert. Es waren immer auch Frauen dabei, die uns erklären wollten, wie man eine Frauenbewegung aufbaut. Ich kann mich gut erinnern, dass es nicht immer einfach war, das für uns Nützliche herauszufiltern und uns abzugrenzen gegen das, was wir als ein Überstülpen empfunden haben. Warum sollten wir nicht unsere eigenen Erfahrungen machen dürfen? Die Westfrauen wussten ja gar nicht genau, wie das bei uns alles ablief, was unsere Empfindlichkeiten anging.

Es gab ja auch schon eigene Erfahrungen…

Elke: Natürlich. Frauen, die sich sowohl in kirchlichen Kreisen engagiert haben, als auch die lesbischen Frauen, die sich in der Kirche in der Freiimfelder Straße getroffen haben. Homosexualität war schwul dominiert. Dort haben sich Lesben eher weniger wiedergefunden und mussten daher private Räume suchen. Als es aber darum ging, etwas zu verändern, waren sie an der Spitze. Die haben dann, auch mithilfe der Westfrauen, den UFV gegründet. Bis Mitte der 90er Jahre war das parallel: ein Lernen von den anderen Frauen (aus dem Westen), die auch schon etliche Jahre Erfahrung mit Frauenbewegung hinter sich hatten, und die eigenen Erfahrungen und unsere Besonderheiten gegenüber dem Druck der „erfahrenen“ Frauen aus dem Westen verteidigen.

Spielen diese Unterschiede in der feministischen Bewegung noch eine Rolle?

Elke: Es ist schon noch relevant. Allein durch die Generationendurchmischung der Frauenbewegung als auch der queer/lesbischen Bewegung hat sich das aber verändert. In den letzten Jahren hat v.a. in den Gewerkschaften ein Abfallen stattgefunden. Die älteren Gewerkschaftsfrauen grenzen sich von der Frauenbewegung ab und sehen sich zunehmend in erster Linie als Gewerkschafterinnen.

In den anderen Belangen ist das nicht so schlimm, auch wenn es da manchmal Kontroversen gibt. Wenn man da an das diesjährige Motto der Frauenkulturtage denkt: Die Jüngeren lernen von den Erfahrungen der Älteren und die Älteren lernen von dem, was die Jüngeren an eigenen Erfahrungen auch schon haben und v.a. was sie an neuen Vorstellungen, Frische und Schwung mitbringen.

Angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks sind ja gerade Freiheiten in Gefahr, die von (queer)feministischen Bewegungen erstritten wurden. Abtreibungsgegner*innen versammeln sich regelmäßig zu Demonstrationen und die AfD versucht mit einem „Frauenmarsch“ Anliegen von Frauen* für Ihre rassistische Stimmungsmache zu mobilisieren. Inwiefern schlägt sich das auf Eure Arbeit nieder? Wie versucht Ihr dem entgegenzuwirken?

Irene: Ich kann nur für Q. sprechen. Der gesellschaftliche Rechtsruck ist klar eine Herausforderung für uns. Gerade haben wir eine Veranstaltung zum Thema „feminist clickback“, wo es darum geht, inwiefern Suchmaschinen wie Google gezielt von Abtreibungsgegner*innen dazu genutzt werden, ihre Inhalte ganz oben zu platzieren. In dem Workshop geht es um Gegenstrategien und wie wir Suchmaschinen für feministische Inhalte nutzen können.

Elke: Abgesehen von den Dingen, die über Halle hinaus stattfinden, wie z.B. miteinander STÄRKEN, Regenbogenparlamente und jetzt die Lesbenvernetzungstreffen in eine neue Runde gehen, haben wir hier mit einem Zweijahresprojekt begonnen, bei dem wir mit Jugendlichen der 8. und 9. Klasse Lebenswege und Schicksale von Frauen aufarbeiten wollen, die im Zeitraum von April 1933 bis November 1938 von den Nazis verfolgt wurden, weil sie jüdisch, antifaschistisch, kommunistisch oder lesbisch waren. Daraus möchten wir Bildungsmaterial erarbeiten und am Ende des zweiten Jahres eine Wanderausstellung zu diesem Thema fertigstellen. Ziel des Projektes, das unter der Initiative „Demokratie leben“ läuft, ist, mit diesen Kenntnissen über die Geschichte und ganz konkrete Personen, die Jugendlichen zu stärken und sich gegen rechte, antisemitische und diskriminierende Äußerungen wehren zu können. Das ist vielleicht die Generation, die uns hier dann irgendwann ablöst.

Ganz konkret in Halle haben sich u.a. mit der Identitären Bewegung maskulinistische Gruppen Raum verschafft. Die Kampagne „Kick them out“ hat in einer feministischen Demo versucht diesen Aspekt hervorzuheben. Wie steht Ihr zu solchen Versuchen? Welche Möglichkeiten seht Ihr für (queer)feministische Bündnispolitik in Halle?

Elke: Wir sind in Halle eigentlich ganz gut aufgestellt, dadurch dass wir uns mit verschiedenen Initiativen und Stiftungen zusammentun. Vor allem aber mit den jungen Leuten, den Studierenden von der Martin-Luther-Universität, finden gegenseitige Unterstützung und Absprachen statt. Wir haben immer Position bezogen, dass wir dagegen vorgehen müssen. Und wenn es geeignete Mittel gibt, die nicht in Gewalt ausarten, sind wir auf jeden Fall dabei.

Irene: Ich glaube, da ist definitiv noch Luft nach oben, was eine Solidarisierung angeht. Aber ich stecke da nicht so sehr drin und bekomme selbst nicht so viel von Vernetzung mit.

Elke: Doch, das aktuellste Projekt gegen Identitäre ist die Idee von jungen Frauen, zum 8. März des nächsten Jahres einen Frauenstreik zu machen. Da findet gerade eine große Vernetzung statt. Die Idee ist, alle, die auf dem Gebiet Frauenpolitik arbeiten, an einen Tisch zu holen und zu besprechen, was wir machen können. Es wird keinen Streik geben. Aber wir können andere Aktionen hier in Halle machen. Natürlich ist immer der Fokus, gegen Rechts Stellung zu beziehen. Und dann ist die Frage, was kann man für Frauen erreichen? Wie kann man ein breiteres Bündnis herstellen, um auf ganz spezifische Dinge aufmerksam zu machen.

In Berlin und Leipzig gibt es ja schon Frauenstreikbündnisse, die sich auch auf den historischen Frauenstreik 1994 beziehen…

Elke: Wobei die Initiative sich ja eher auf den Frauenstreik 2017 in Spanien bezieht. Viele von denen, die sich gerade dahingehend engagieren, waren, ähnlich wie Irene, 1994 noch nicht aktiv und haben sich dann eher das naheliegende Beispiel genommen. Und von Leipzig ist diese Bewegung Frauenstreik hier nach Halle gekommen. Es ist alles miteinander verzahnt und wir haben auch Dornrosa als Ort zur Verfügung gestellt, das ist das Wenigste, was wir machen können. Der Runde Tisch hängt da auch schon seit zwei Monaten mit drin.

Welche Perspektive seht Ihr im Frauenstreik? Wird man es schaffen, wie 1994, eine Million Frauen auf die Straße zu bringen? Welche Forderung seht Ihr als zentral an?

Elke: Letztens hat eine Frau als Idee für den Frauenstreik eingebracht, eine Aktion zu machen, wie damals in den 90er Jahren, als Frauen in den Einkaufspark nach Günthersdorf gefahren sind und dort die Zufahrt für Minuten blockiert haben. Mit der Aktion wollten sie auf die prekäre Lage der Verkäuferinnen im Einzelhandel aufmerksam machen. Das hat zwar nur ein paar Minuten gedauert, war aber in allen Medien drin. So etwas schwebt einigen Frauen für das nächste Jahr vor. Ich denke, die Frauen sehen eine Perspektive in dieser Bewegung.

„Das Frauenzentrum Weiberwirtschaft versteht sich als Freiraum für Frauen und Mädchen, als ein Ort der Frauenkultur, der Begegnung und Gespräche in emanzipatorischer Atmosphäre, des Rückzugs, der Einkehr und der Besinnung, als Ort weiblicher Sichtweisen und feministischer Ideen, als Ort von Frauen für Frauen. Neben regelmäßigen Kulturveranstaltungen, Workshops und Ausstellungen im Galeriecafé bietet die Weiberwirtschaft Beratung und Information für Frauen in Krisensituationen, Beratung für Lesben, eine Frauenbibliothek und feministische Bildungsveranstaltungen.“ Für weitere Informationen und aktuelle Veranstaltungshinweise: https://www.dornrosa.de/

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