HaSi bleibt!

RRR für die Revolution

Eine kleine Geschichte der Riot Grrrls

von | veröffentlicht am 16.08 2018

© Corax

Anfang der 1990er Jahre brach ein Riot in der DIY Punk/Hardcoreszene von Amerika aus. In Auflehnung gegen das maskuline Mackertum und den Sexismus der Punkszene entwickelte sich eine queer-feministische Bewegung. Ausgehend von der Suche nach Gleichgesinnten, wurden sich Räume, Zines und Bands geschaffen um den Mackern den Kampf anzusagen. Direkt von den Punkbühnen entstand eine subkulturell, queer-feministische Bewegung, die Riot Grrrls. Eine kleine Geschichte eines feministischen Aufstands.



BECAUSE I believe with my wholeheartmindbody that girls constitute a revolutionary soul force that can, and will change the world for real.


Anfang der 1990er Jahre brach ein Riot in der DIY Punk/Hardcoreszene von Amerika aus. Junge Frauen forderten einen Raum innerhalb der Punkszene ein. Nicht länger wollten sie sich als Zuschauerinnen des Mackertums der Szene verhalten. In Zines und Songtexten verhandelten sie weibliche Perspektiven und Bedürfnisse. Durch das Thematisieren von Sexismus, Vergewaltigung, Männerdominanz und Homophobie zerbrachen sie die Legende von der Möglichkeit der Teilhabe aller im DIY Punk. Der Aufstand der Mädchen wurde ausgerufen. We ARE the revolution.

In den 80er Jahren hatte sich im Underground Punk der USA immer stärker der American Hardcore Punk herausgebildet, der deutlich aggressiver, schneller und härter war als vorher im Genre üblich. Brutales Rumkloppen und Moshen des Publikums waren ein Ausdruck dafür, dass die Szene maskuliner wurde und Frauen ausschloss. In Washington D.C., der Hauptstadt des American HC Punk, formierte sich im „Revolution Summer“ 1985 Protest gegen diese Entwicklungen. Aktivistische Kollektive gründeten sich, wie Positive Force D.C., die zur Herausbildung einer linkspolitischen Punkszene in Washington beitrugen. In Olympia konnte man zu diesem Zeitpunkt eine Art Gegenentwurf zu den meisten DIY Punkszenen vorfinden. Frauen waren in der Kreativszene der Stadt mehr etabliert als anderswo. Labels wie K-Records spezialisierten sich auf Veröffentlichungen von lokalen Bands. Lois Maffeo betrieb bei dem Studierendenradio KAOS eine Musiksendung, in der sie sich auf weibliche Musikerinnen konzentrierte.

1988 initiierten Charon Cheslow, Cynthia Connelly, Amy Pickering und Lydia Ely Diskussionsrunden zum Thema Geschlechterdifferenz und Sexismus in der Punkszene von D.C., welche auch dokumentiert und in dem Punk-Zine Maximumrocknroll veröffentlicht wurden. Infolge dessen wurden weibliche Perspektiven und ihre Kritik an der Szene immer stärker sichtbar: Zwar verstand sich die DIY Szene als ein Ort, an dem bürgerliche Werte abgelehnt wurden und mit anderen Lebensweisen experimentiert werden konnte, doch reproduzierte sie trotz dessen Ein- und Ausschlussmechanismen der Gesellschaft, was sich an  Diskriminierung von Frauen und homosexuellen Menschen zeigte. Ende der 80er Jahre benutzten immer mehr Mädchen und Frauen Zines – die später als angry grrrl zines bezeichnet wurden. Sie waren ein Sprachrohr, um Sehnsüchte, Gedanken zu Musik, Frust über die patriarchalen Verhältnisse innerhalb der Szene mitzuteilen. Aber vor allem ging es  darum, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, sich zu verbünden und den scheinbar abgespaltenen Raum, der Frauen von der Szene und auch von anderen Frauen trennte, zu überwinden. Die Zines waren ein wichtiges Mittel, um sich auch überregional auszutauschen und Netzwerke zu spinnen.


Ende der 80er Jahre benutzten immer mehr Mädchen und Frauen Zines – die später als angry grrrl zines bezeichnet wurden. Sie waren ein Sprachrohr, um Sehnsüchte, Gedanken zu Musik, Frust über die patriarchalen Verhältnisse innerhalb der Szene mitzuteilen


Über das Punkzine Jigsaw wurden Kathleen Hanna und Kathi Wilcox auf Tobi Vail aufmerksam, die dann zusammen mit Billy Karren 1990 Bikini Kill gründeten. Im Mai 1991 kam es in Washington D.C. zu Unruhen und Straßenschlachten mit der Polizei. Auslöser dafür war die Erschießung eines Latinos durch eine Polizistin in Mount Pleasant. Zusätzlich kam es in den 90er Jahren zu verstärkten Auseinandersetzungen um das Recht auf  Schwangerschaftsabbruch. Konservative Bestrebungen und sogenannte “Lebenschützer” versuchten auch auf gesetzlicher und juristischer Ebene eine Verschärfung zu erwirken. Diese Vorfälle lösten vor allem bei politisch aktiven, weiblichen Punks Kampfbereitschaft aus.

Jen Smith aus D.C. schrieb an Allison Wolfe, dass es Zeit für einen girl riot sei. Wolfe betrieb mit Molly Neumann das Bandprojekt „Bratmobile“ und zusammen gaben sie das Zine Girls Germs heraus, welches, angeregt durch Smith, in Riot Grrrl umbenannt wurde. Die zahlreichen Bandprojekte und deren Touren halfen, dass eine immer intensivere, auch überregionale Vernetzung der weiblichen Punkszene vorangetrieben wurde. Immer mehr weibliche Punkbands entstanden. Zwar war der Sound am existierenden Punk orientiert. In den Texten und Bühnenshows zeigte sich aber eine deutliche Abgrenzung. Aggressiv und selbstbewusst wurden weibliche Lebensrealitäten, Widersprüche und Bedürfnisse herausgeschrien. Gegen die männliche Definitionsmacht in der Hardcoreszene wurde weibliche Selbstermächtigung und Raumnahme gesetzt. You don’t make all the rules!/I know what I’m gonna fucking do/Me and my girlfriends gonna push on through/Riot Grrrl is gonna stomp on you, yeah/You’re dumb, I’m not/You’re fucked, I’m not (Bikini Kill, This is not a Test). In Songs wie dead men don’t rape machten 7 YearBitch Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt sichtbar. Tribe 8 irritierten mit Bühnenshows, bei der sie bei Songs über Vergewaltigung Gummipenisse kürzten (Frat Pig/It’s called gang rape/Let’s play/Gang castrate). Ablehnung von normierten Körpervorstellungen und eine unkontrollierbare Gier nach immer mehr (als vielleicht nur Süßigkeiten) wurden in MMM Donuts kundgetan (Lunachicks). Queere Themen wie Coming Out-Erfahrungen oder Ablehnung des binären Geschlechtermodells wurden in Liedtexten von Team Dresch und Tribe 8 transportiert. Die Texte waren immer grrrl’s-identified, der Spirit des Rebel Girl war in fast allen Songs präsent. Irritation, das Spiel mit Ironie und Aggression waren Teil der Riot Grrrl Attitüde.


Gegen die männliche Definitionsmacht in der Hardcoreszene wurde weibliche Selbstermächtigung und Raumnahme gesetzt.


1991 veröffentlichten Bikini Kill in ihrem gleichnamigen Zine das Riot Grrrl Manifest. Darin wurde in 16 Punkten die Notwendigkeit der Gründung einer revolutionären, solidarischen Grrrls-Gemeinschaft beschrieben. Nach dem Revolution Summer rief Kathleen Hannah den Riot auf der Bühne aus: Revolution Grrrl Style Now! Eine neue subkulturelle, queer-feministische Bewegung entstand, die Riot Grrrls. Mainstream-Medien wie das Time Magazine deklarierten zu dieser Zeit den Postfeminismus (so titelte die “Time” im Dezember 1989: “Women face the 90s – In the 80s they tried to have it all. Now they’ve just plain to have it. Is there a future for feminism?”). Forderungen und Kämpfe der zweiten Frauenbewegung hatten sich bereits institutionalisiert. Beeinflusst von den Kämpfen der Frauenbewegung der 70er Jahre, aber auch in Abgrenzung zu dieser, bildete sich in den 90ern der third wave feminism heraus. Wie „Frau“ am Ende des 18. Jahrhunderts als politischer Kampfbegriff der Frauenbewegung seinen Ursprung fand (Olympe de Gouges, Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin), wurde das „Riot Grrrl“ als neue Selbstbezeichnung erfunden.

Der Begriff „Mädchen“ wurde neu besetzt und mit eigenen Inhalten gefüllt. Die drei rrr’s, die aus dem girl ein grrrl machen, simulieren die Wut über die sexistischen Verhältnisse, die allgegenwärtig mit dem Riot Grrrl zum Ausdruck kommen soll: ein bedrohliches Knurren gegen das Patriarchat. Das 1991 im Bikini Kill Zine erschienene Manifest (auf das viele weitere folgten) beschreibt das Selbstverständnis der Riot Grrrls. Durch die Aneignung der Produktionsmittel, die sich größtenteils noch in den Händen von Typen befanden, sollten Mädchen ihre eigenen Produkte schaffen. Mädchen wurden ermutigt, über Musik und anderen kreativen Output ihre Inhalte und Themen abzubilden. Angelehnt an die DIY-Praxis sollte sich gegen eine kommerzielle Vereinnahmung gewehrt werden. Zentral war das Thema „Girl Love“ die Solidarisierung, der Zusammenschluss aller Mädchen: Every Girl is a Riot Girl. 1991 brachten Tribe 8, 7 Year Bitch, Lucy Stoners und Bikini Kill gemeinsam die Single “There is a Dyke in the Pit” auf Outpunk Records heraus, dem ersten queeren Punk Label.

 


Die drei rrr’s, die aus dem girl ein grrrl machen, simulieren die Wut über die sexistischen Verhältnisse, die allgegenwärtig mit dem Riot Grrrl zum Ausdruck kommen soll: ein bedrohliches Knurren gegen das Patriarchat.


Die Riot Grrrls hatten keine Angleichung an die bisher existierende Punkszene zum Ziel, die sie als eine “instant macho gun revolution” konstatieren. Stattdessen formulierten sie einen utopischen Gegenentwurf einer fairen, anti-kapitalistischen, anti-hierarchischen, anti-sexististischen, anti-homophoben, anti-antisemitischen und anti-rassistischen Szene, in der Mädchen und Frauen sich frei und ohne Ängste entfalten können sollten.

Obwohl sich die Riot Grrrls als ein queer-feministisches Kollektiv verstanden und sich von dem identitätsstiftenden second wave-Gleichheitsfeminismus abgrenzen wollten, konstruierten sie in ihrer Sprache und auch in ihrem Wirken ein kollektives „Wir“. In Abgrenzung zur männlich dominierten Punkszene schufen sie Räume für sich, wie Diskussionsveranstaltungen oder Konzerte, die nur für Frauen zugänglich waren. Sie schufen somit einen Ort des Anderen und entwickelten dadurch Raum für kulturelle und politische Aktionen.

Braucht es also in der Praxis dieses konstruierte Kollektiv, das auch wieder Ein- und Ausschlussmechanismen reproduziert, um überhaupt eine wirksame Handlungsfähigkeit zu erreichen, um die heraufbeschworene „revolutionäre Kraft“ auch zu erfüllen? Und inwiefern kann eine subkulturelle Bewegung überhaupt Revolution machen? Riot Grrrl gehört mittlerweile zur Geschichte des Punks. Schon Mitte der 90er Jahre begannen sich viele der wichtigen Riot Grrrl-Bands aufzulösen. Riot Grrrls haben nicht die Welt verändert – und auch eine DIY Punkszene reproduziert weiterhin gesellschaftliche Verhältnisse. Dass die queer-feministische Utopie scheitern musste, lässt sich beispielhaft an dem Codewort Girl Love zeigen. Um die Idee einer gleichen und solidarischen Grrrls-Gemeinschaft umzusetzen, hätten auch die sozialen und ökonomischen Differenzen innerhalb der Gemeinschaft diskutiert und analysiert werden müssen. Mimi Thi Nguyen beschreibt in ihrem Aufsatz „Race & Riot“, wie der Drang, individuelle Erfahrungen und Differenzen voreinander offenzulegen und miteinander zu verknüpfen, eine Einordnung dieser in eine historisch gewachsene, gesamtgesellschaftliche Struktur überschattete: “Rassismus wurde ausschließlich als eine zwischenmenschliche Dynamik kulturübergreifender Misskommunikation oder fehlendes Wissen über andere Kulturen aufgefasst.”

Durch die Individualisierung und gleichzeitige Gleichmachung unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen war einer Analyse realpolitischer Verhältnisse, aus der wiederum nur ein konstruktives politisches Handeln folgen kann, der Riegel vorgeschoben.

Aber Riot Grrrl hat etwas hinterlassen, was bis heute in Biografien hineinwirkt und Inspiration sein kann. Trotz der Widersprüchlichkeiten und Grenzen, die sich innerhalb der subkulturellen Bewegung herausbildeten, bleibt die Wut von Frauen gegenüber den patriarchalen Verhältnissen. Ein Vermächtnis der Wut. Ein Vermächtnis, das Betroffenen die Möglichkeit der Identifikation mit eben dieser Wut gibt und die daraus Kraft für einen Gegenschlag holen können.


Women’s love like herbal tea, women’s love empowers me.
(Tribe 8, Manipulate)


Literaturempfehlung:

  • Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hrsg.): Riot Grrrl Revisited, Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung, Ventil Verlag
  • Tine Plesch: Schneewittchen vs. Solex. Popmusik-Texte von Frauen, Testcard, Beiträge zur Popgeschichte N°6.
PUNK

Punk is dead …

… “Movements are systems and systems kill, Movements are expressions of the public will” – so sangen es Crass bereits 1978 auf ihrem Album The Feeding of the 5000. Darin kommt zum Ausdruck: eines der Wesenszüge von Punk ist dessen Negativität, er ist so negativ, dass er sich zuweilen selbst für tot erklärt. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger, Gespenster kehren wieder und die Kraft der Negation ist mitunter eine äußerst lebendige – in welcher Form auch immer, denn Punk weigert sich, ein kanonisierter Stil zu sein. Auch bei Radio CORAX ist diese Kraft äußerst lebendig. Musikalisch ist Punk im Programm des halleschen Senders einigermaßen präsent. Grund für ihn, ihm eine Ausgabe seiner Programmzeitung zu widmen. Dafür sollte, es liegt nahe, das Verhältnis von Punk und Radio beleuchtet werden. Punk in der Ost-Zone, in arabischen Ländern und die Riot-Grrrls sollten eine Würdigung erfahren. Und außerdem wurden ProtagonistInnen von CORAX-Punksendungen nach ihrem Verhältnis zu diesem Gespenst gefragt.

Lisa ist aktiv in der tagesaktuellen Redaktion von Radio CORAX.

Der Beitrag erschien erstmals in der 2018er August+September-Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.