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Buchempfehlung

Das Jahr der Wunder (2001) von Rainer Merkel

von | veröffentlicht am 26.08 2018

© per.spectre

Rainer Merkel führt in die Untiefen des neoliberalen Selbst und seiner (un)gelenken Übungen am Arbeitsplatz – wachen Auges und unter Verzicht auf die obligatorische Sorgenfalte. Kapitalismuskritik wie eine warme Sommerbrise inklusive Nostalgiebonus, die an Aktualität nichts eingebüßt hat.


Schöne neue Arbeitswelt oder Maskenspiel 2.0

Rainer Merkels Buch verhandelt an sich nichts Neues. Es geht um die Arbeitsverhältnisse in der sogenannten Kreativwirtschaft. Kulisse ist eine Marketing-Agentur im Berliner Bezirk Wedding, der offenbar schon vor über 15 Jahren, als das Buch erschien, Projektionsfläche von Aufschwung und Gentrifizierung war, während beides bis heute nur in Maßen und Teilen eingetreten ist. Jedenfalls dienen die kopfbetuchten Frauen türkischer Herkunft als willkommener Kontrast zu GFPD, der Agentur, bei der jegliche interne Kontraste verschwimmen. GFPD, wofür das steht scheint keine Rolle zu spielen, so wie es insgesamt keine Rolle zu spielen scheint, worum es dort eigentlich geht. GFPD ist sexy, one family, man will dazu gehören, und dabei total intransparent. Wer wem über- und untersteht, wer wie viel verdient und was genau gearbeitet wird, bleibt im Unklaren. Bewerben kann man sich nicht, Einladungen erfolgen auf Empfehlung nach dem Motto „Du kannst es dir ja mal anschauen“, während man bemüht ist, die Schweißflecken zu verstecken, verräterischer Ausdruck davon, dass man selbst nicht aufgeht in der demonstrativen Lässigkeit. Nebenbei verhandelt der Roman den Bedeutungsverlust klassischer Bildungsabschlüsse: Christian, der Protagonist und neue Mitarbeiter bei GFPD, ist gescheiterter Medizinstudent und hat jahrelang als Taxifahrer gearbeitet. Nun soll er ein Marketingkonzept mit Weltraum-Bezug für eine Bausparkasse entwerfen. Da es schnöder kaum geht, freut sich die Leserin, dass an diesem Punkt weitere Erklärungen ausbleiben. In der Agentur sieht sich Christian mit intransparenten und situativen Anforderungen und dem Appell, sich dabei selbst zu verwirklichen, konfrontiert. Der erste Sonntag, den er 14 Stunden am Rechner in der Agentur verbringt und dabei keinerlei Erschöpfung verspürt, gilt als Initiation. Der Druck ist extrem implizit und kommt als Flirt daher. Die Gespräche in der Agentur haben die Gefälligkeit einer gut eingestellten Klimaanlage, ein unaufdringliches kontinuierliches Hintergrundsäuseln, eine Schwebewelt im Schwebezustand. „An manchen Tagen bin ich begeistert von diesem berauschenden Zwang, ständig auf der Hut zu sein, ständig kommunizieren zu müssen und immerfort alles im Blick zu haben. Wir verlieren dadurch viel Zeit, durch diese fiebrigen und kraftraubenden Gespräche, diese geschlechtsübergreifenden Flirts, dieses ständige „Zu-einem-Spaß-bereit-sein-müssen“, diese Frotzeleien, Witze, Kommentare und Sticheleien.“

 „Ich balanciere auf dem Mittelstreifen der Seestraße“ – Imagination und Selbstmanipulation

Rainer Merkels Das Jahr der Wunder ist ein bemerkenswertes Beispiel für ein Buch ohne Inhalt. Es fehlt fast jegliche Handlung. Das Worum des Romans zeigt sich vielmehr im Wie. Christian ergeht sich in Selbstbeobachtungen und dem Entziffern des kommunikativen Regelsystems seines neuen Arbeitsplatzes. In dem Ausmaß, wie der Sog zunimmt, manipuliert er sich selbst. Kommunikation, hat man den Eindruck, dient hier nicht dem Austausch von Informationen oder Gefühlszuständen, sondern ist Spielwerk in einem großen Bühnenstück, das zielgerichtet, je nach erwünschter Wirkung, mit einem Repertoire rhetorischer Mittel angereichert wird. Übermut, Begeisterung, Sorglosigkeit werden nicht verspürt, sondern vermittelt. Sie geben nicht Auskunft über Christians Gemütsverfassung, sondern über sein höchst flexibles, den vermuteten Anforderungen angepasstes Wunschselbst. Christian, zwischen Ohnmacht und Euphorie, verliert sich im Maskenspiel. Doch es bleibt ein Überschuss, seltene Ausrutscher, von denen man oft nicht weiß, ob sie nur in seinem Kopf stattfinden. Seine Fantasie entzieht sich der vollkommenen Selbstinszenierung. Sie ist Bastion des potenziellen, imaginären Widerstandes.

Subjekt, Prädikat: Objekt

Bloß gut, dass es so etwas wie Innerlichkeit gibt. Man ist geneigt, aufzuatmen. Doch so einfach ist es nicht. Die Ohnmachtserfahrungen, die der Protagonist macht, schlagen um in Bemächtigungsfantasien gegenüber Frauen. Man kann darin einen raffinierten Kunstgriff Rainer Merkels vermuten, keine Beruhigung der LeserInnen zuzulassen, sondern selbst noch die Restbestände „authentischer“ Subjektivität ambivalent darzustellen. Vielleicht ist es aber auch bloß unreflektierter Androzentrismus, der den Autor dazu verleitet, Frauen permanent als schmückendes Beiwerk, Projektionsfläche negativer körperlicher Zustände und/oder potenzielles Besitztum zu zeichnen. Frauen werden taxiert, detailliert in ihrer Silhouette beschrieben, stehen mal dumm, mal elegant in der Gegend rum oder blättern in Zeitschriften. Manchmal haben sie Migräne, manchmal vermutete Unterleibschmerzen oder einen beunruhigend niedrigen Blutzuckerspiegel. Eine eigene Meinung haben sie mit einer Ausnahme eher nicht. Das macht wütend und verstellt von Zeit zu Zeit den Blick auf die Vorzüge des Romans. Es suggeriert vor allem auch, dass Frauen nicht oder in ganz anderer Weise von den Zumutungen der beschriebenen Arbeitsverhältnisse betroffen sind, beziehungsweise weniger produktiv damit umzugehen wissen. Weitestgehend reduziert auf ihre Körperlichkeit, erscheinen sie hier mehr als Objekte denn als Subjekte in einer männlich dominierten Branche.

Das Besondere und das Allgemeine

Trotz dieses gewichtigen Mankos eröffnet Das Jahr der Wunder einen Blick auf Allgemeines und vermeidet naheliegende Fallstricke. Die konkrete Arbeitssituation in der Marketing-Agentur darf zwar nicht stellvertretend für alle Arbeitsverhältnisse im postindustriellen Zeitalter gelten. Vielerorts wird mit dem Abbau unbefristeter Arbeitsverträge offener Druck ausgeübt und nicht jede Branche hält es für nötig oder schafft es, sich ein sexy Image zuzulegen. Was Rainer Merkel gelingt, ist eine Illustration postmoderner Subjektivität ohne Vereindeutigungen und moralische Wertungen. Er fängt eine Facette des kollektiven Gefühlslebens ein, in der man sich leicht wiederfindet. Das Leben erscheint als eine auf Dauer gestellte Bewährungssituation mit Verführungspotenzial, das Soziale als Bühne, auf der man glänzen oder scheitern kann. Es geht um den Reiz, Teil von etwas Größerem und doch ganz frei zu sein, die zwanghafte Steigerung von Intensität, die taumeln macht, das Individuum zwischen Grandiosität und Versagensängsten. Merkel bietet keinen Zufluchtsort und keinen letzten Grund an, sowohl Beruhigung als auch Dramatik bleiben aus.

Weiterlesen und kontextualisieren

Nach entspannter Badesee-Lektüre (das Buch lässt sich an ein bis zwei Tagen lesen) empfiehlt sich im Anschluss und zum tieferen Verständnis der Gegenwart: ein Blick darüber hinaus. Lutz Eichler schlägt in → Subjektivierung Distinktion Narzissmus eine sozialstrukturelle und -psychologische Perspektive auf Subjektivierung vor. Die Konzepte der Distinktion und der symbolischen Gewalt erlauben eine genauere Sicht auf milieuspezifische Voraussetzungen, Bedeutsamkeiten und Wirkungen der Subjektivierung im flexiblen Kapitalismus. Eichler betont anhand narzissmustheoretischer Konzepte, dass Subjektivierungsdiskurse auch deshalb so attraktiv sind, weil sie an die widersprüchliche Psychodynamik von Ohnmacht, Omnipotenz und Angst anknüpfen. Dies eingedenk, verbietet sich ein Blick auf die Individuen (lediglich) als Opfer gegenwärtiger Organisationsstrukturen und Diskurse. Der Beitrag verspricht eine bessere Reflexion der Macht- und Herrschaftsverwobenheit der Subjektivierung im Interesse ihrer emanzipatorischen Potentiale. Luc Boltanski und Ève Chiapello widmen sich in → Der neue Geist des Kapitalismus dem Kapitalismus als einem normativen System, dem es unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder gelingt, Menschen zu gewinnen und davon zu überzeugen, sich am Prozess der kapitalistischen Akkumulation zu beteiligen. Boltanski und Chiapello sehen in der Kritik der 68er und dem ihr folgenden Umbau der Produktionsverhältnisse den Ursprung seiner jüngsten Ausprägung (Flexibilität, Mobilität, Kreativität und Eigenverantwortung). Wer über diese Eigenschaften verfügt, kann die Möglichkeiten nutzen, die der projektbasierte Kapitalismus des 21. Jahrhunderts bietet. Zugleich stellt sich aber die Frage der Gerechtigkeit. Einstweilen bleibt die Kritik an diesem neuen Kapitalismus machtlos, wenn sie sich nicht anhand neuer Interpretationsmuster auf die ökonomische Realität des 21. Jahrhunderts einstellt. Nur unter dieser Bedingung aber lässt sich der Legitimationsdruck auf den Kapitalismus erhöhen.

 

Rainer Merkel: Das Jahr der Wunder

Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001

Roman, 288 Seiten

ISBN: 978-3-596-15188-2

Taschenbuch Preis € 9,90  (oder gebraucht für noch kleineres Geld)

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