HaSi bleibt!

Brennende Felder am Horizont

Klimaveränderungen machen auch um Halle keinen Bogen

von | veröffentlicht am 01.08 2018

© Transit

Die aktuelle Hitzewelle bei gleichzeitiger langanhaltender Trockenheit vermittelt einen Eindruck davon, was aufgrund des Klimawandels für Halle und die Region zukünftig im Sommer zur Regel werden könnte. Während momentan vor allem die Landwirtschaft um Hilfe ruft, dürften zukünftig auch die sozialen Auswirkungen der Erderwärmung mehr und mehr in den Blick geraten - auch jene direkt vor Ort.


Wenn zum Sommeranfang rings um Halle die Felder brennen, die Feuerwehr mehrere Tage hintereinander im Einsatz ist, in der gesamten Stadt das Gras einen gelbgrauen Farbton annimmt und in den Wäldern die höchste Brandwarnstufe gilt – dann haben wir es mit einer für unsere Breitengrade handfesten Dürreperiode zu tun. Diese währt nun schon viele Wochen. Zwischenzeitliche Regenschauer vermochten keine wirkliche Entspannung, Gewitter keine Abkühlung zu bringen. Es ist heiß. Die Thermometer machen sich mit der 40-Grad-Marke vertraut und die Pflanzen leiden unter Hitzestress und Wassermangel.


So selten das Ausmaß der derzeitigen Trockenheit vielleicht (noch) sein mag, so klar sollte die Erkenntnis sein, dass der Klimawandel an der Region nicht spurlos vorüberziehen wird.


Wer in oder um Halle herum zur Schule gegangen ist, hat im Heimat- und Sachkundeunterricht frühzeitig gelernt: Halle und der Saalekreis liegen im Regenschatten des Harzes. Das heißt, hier gibt es in der Gesamtmenge vergleichsweise wenig Niederschlag. Das sogenannte “Mitteldeutsche Trockengebiet” – ein Streifen entlang der Saale beginnend im Süden von Magdeburg über Halle bis zum Altkreis Merseburg-Querfurt – gilt sogar als eine der niederschlagsärmsten Regionen Mitteleuropas. Die meisten Menschen hier hat das bislang wahrscheinlich eher gefreut – für die Landwirtschaft wird es mehr und mehr zum Problem, sodass angesichts der aktuellen Ernteverluste Forderungen nach staatlichen Notprogrammen laut werden.

Kurzfristig mögen solche Finanzspritzen vielleicht helfen – wie beispielsweise auch bei den Folgen von zu viel Wasser wie beim Rekordhochwasser 2013. Langfristig wird das nicht reichen. Denn so selten das Ausmaß der derzeitigen Trockenheit vielleicht (noch) sein mag, so klar sollte die Erkenntnis sein, dass der Klimawandel an der Region nicht spurlos vorüberziehen wird. Nicht überall werden die globalen Klimaveränderungen gleich wirken. Gerade deshalb sollten Reaktionen auf Klimaänderungen – mal abgesehen von den weltweit notwendigen Versuchen, die schlimmsten Veränderungen noch einzudämmen – möglichst auf regionalen Daten und Prognosen basieren.

Tendenz zu stärkerer Trockenheit

Die Geografin Ilka Fabig hat sich bereits 2007 in ihrer Doktorarbeit mit der langfristigen Niederschlagsentwicklung im Mitteldeutschen Trockengebiet als Indikator für eine mögliche Klimaänderung befasst. Im Ergebnis konnte sie für die Region eine Tendenz zu stärkerer Trockenheit in den Sommermonaten beschreiben mit einem hohen Gefährdungspotenzial für das Auftreten von Dürreperioden. Dabei nehme der Anteil des verfügbaren Bodenwassers für Pflanzen ab. Die Vegetation werde dadurch auch spärlicher, was wiederum den Boden anfälliger für Erosion durch Wind und Wasser mache, was insbesondere bei extremen Wetterereignissen auch unmittelbar sichtbar werden kann.

Für das direkte Umland von Halle, konkret das Gebiet zwischen Halle und Bernburg, konnte Fabig für den Zeitraum 1902 bis 2000 eine markante Abnahme des sommerlichen Niederschlages zeigen. Insgesamt lasse sich für denselben Zeitraum zwar für das gesamte Untersuchungsgebiet ein genereller positiver Niederschlagstrend verzeichnen. Dieser gehe aber auf einen Anstieg der Niederschlagsmengen in den Wintermonaten zurück, und dies auch hauptsächlich westlich der Saale-Elbe-Linie, insbesondere im Harz. Der Niederschlagsrückgang im Sommer könne östlich der Saale nicht durch den dort geringen Anstieg im Winter kompensiert werden.

Auch das in Halle ansässige Landesamt für Umweltschutz kommt in seiner “Klimaanalyse Sachsen-Anhalt für den Zeitraum 1951 bis 2014” zu dem Ergebnis, dass sich abzeichnende Trends bei verschiedenen Klimaindikatoren den Klimawandel für Sachsen-Anhalt belegen. So zeigten sich Hinweise auf verstärkte Trockenheit im Frühjahr, eine Zunahme der Dauer von Hitzeperioden und eine zunehmende Waldbrandgefahr. Die Ergebnisse hinsichtlich der Niederschlagstrends ähneln denen aus der Untersuchung von Ilka Fabig.

Klimapolitik ist auch Sozialpolitik

Auch unter der Berücksichtigung von Messfehlern sowie “normalen” Klimaschwankungen sowie anderen Umwelteinflüssen lässt sich somit kaum verleugnen, dass auch in Sachsen-Anhalt bzw. in der Region Halle Klimaveränderungen zu verzeichnen sind. Diese sind, so das Landesumweltamt, “stimmig mit Projektionen von Klimamodellen für die kommenden Jahrzehnte”. Aufgabe ist es deshalb, die Auseinandersetzung mit den laufenden und anstehenden Veränderungen zu verstärken und Konsequenzen abzuleiten – nicht nur für die Landwirtschaft, die momentan am stärksten betroffen scheint, sondern auch für das Leben in der Stadt und auf dem Land.


Wie der Schutz vor Kälte ist der Schutz vor Wärme auch eine Frage des Geldes bzw. der Verteilung von Ressourcen.


Das derzeit noch vordergründig umweltpolitische Thema wird über die nächsten Jahre und Jahrzehnte einen zunehmend sozialpolitischen Drall erhalten (müssen), denn wie der Schutz vor Kälte ist der Schutz vor Wärme bzw. der Umgang mit den Folgen von bspw. Hitzewellen – im Tagesspiegel gibt es dazu eine ausführliche aktuelle Reportage für Berlin – auch eine Frage des Geldes bzw. der Verteilung von Ressourcen. Steigende Gesundheitsrisiken, der Hitzestress vor allem in den Ballungsgebieten, klimaangepasstes Bauen und Wohnen, mögliche Preisanstiege für landwirtschaftliche Produkte, Wasser und Strom, Schäden durch extreme Unwetter – diese und andere Themen gilt es auch und gerade vor Ort in die sozialpolitischen Agenden aufzunehmen. Die noch viel gravierenderen Auswirkungen des Klimawandels, die sich bereits jetzt in anderen Erdteilen einstellen, Jahr für Jahr mehr Menschen betreffen und weitere Fluchtbewegungen in Gang setzen, seien hier einmal ausgeklammert.

Schon 2015 merkte die Präsidentin des Umweltbundesamtes an, dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten sei. Es gehe nun auch um eine gute “Anpassung an neue Wetterverläufe”. Krankenkassen, Sozial- und Gesundheitsämter, Energieversorger, Wohnungsunternehmen und andere öffentliche Einrichtungen sollten das durchaus berücksichtigen. Dabei bleibt allerdings auch das Engagement gegen menschengemachte klimaverändernde Produktions- und Lebensweisen notwendig, wie es in diesem Jahr bspw. auf dem Klimacamp “Leipziger Land” ganz in der Nähe von Halle geschieht. Denn die politischen Anstrengungen bleiben hier weiterhin bestenfalls halbherzig. Der direkte Druck durch spürbare Veränderungen scheint hierzulande immer noch nicht groß genug.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.