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Eine allzu männliche Wahlkampfdebatte

Über reaktionäre Angriffe auf die Position der Gleichstellungsbeauftragten an der Uni Halle

von | veröffentlicht am 22.05 2018

© per.spectre

Kurz vor der Hochschulwahl war in der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) zu lesen, dass es an der halleschen Universität Unzufriedene gibt, die es nicht akzeptieren wollen, dass die im Landeshochschulgesetz vorgesehenen Gleichstellungsbeauftragten der Hochschulen nur von Frauen gewählt werden dürfen. Die Debatte wurde von einer konservativen Hochschulgruppe initiiert. Der Gastbeitrag kommentiert die Hintergründe.


Wie alle Wahlen im bürgerlichen Staat, werden die jährlichen Hochschulwahlen an der Universität Halle-Wittenberg von vielen Ritualen begleitet. So erheben die meisten politischen Hochschulgruppen einige Tage vor dem Wahltermin irgendwelche Forderungen, die ihnen den Rest des Jahres über relativ egal waren. Um möglichst viele „normale Studierende“ zu erreichen, sollen diese dann möglichst praxis-nah sein, weshalb sowohl die SPD-nahen Jusos, als auch der CDU-nahe „Ring Christlich-Demokratischer Studenten“ (RCDS) recht spontan und zeitgleich ihren Einsatz für vermeintlich lang vermisste universitäre Wasserspender beschlossen haben.

Da diese als „praktisch“ imaginierten Forderungen aber kaum dazu dienen können, ein eigenes Profil zu schaffen, für das man dann gewählt werden könnte, sucht sich vor allem der konservative RCDS nebenbei noch ein politisches „Aufreger-Thema“. So wandelte man 2016 die Trump-Parole zu „Make StuRa great again“ ab und forderte „Verändern statt Gendern“ – in Ablehnung einer überhaupt nicht existenten „Gender-Pflicht“. 2017 bereicherten die Konservativen die Wahl dann mit ihrer Forderung, die „Uni sicherer zu machen“, was sie durch geschlossene Bibliotheken und allgemeine Kameraüberwachung durchsetzen wollten. Der RCDS bemüht sich immer kurz vor der Wahl also, wütenden, modernisierungsmüden und rechten Studierenden etwas anzubieten, was ihre rückständige Welt erhalten kann. Das ist zwar sehr problematisch, aber vor allem albern, denn diese autoritären Projekte werden dann nie wieder angefasst und vergammeln den Rest des Jahres im Antiquariat.


Wieso Männer diejenigen bestimmen sollten, die sich um den Status von Frauen kümmern sollen, bleibt ihr Geheimnis.


Genauso sieht es mit der nun kurz vor der diesjährigen Hochschulwahl prominent gemachten Forderung des RCDS aus, die Gleichstellungsbeauftragten nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern wählen zu lassen. Da diese die faktische Schlechterstellung von Frauen bekämpfen sollen, haben Männer im Moment nur das passive Wahlrecht, also dürfen gewählt werden, aber nicht selber wählen, was die christlichen Studenten [sic!] nun als großes Unrecht ausgemacht haben wollen. Wieso Männer diejenigen bestimmen sollten, die sich um den Status von Frauen kümmern sollen, bleibt ihr Geheimnis.

Aber auch hier haben wir ohnehin das gleiche Bild: Es wurde sich nie damit beschäftigt, es gibt keine ernsthafte Kritik an der bestehenden Arbeit und das dafür maßgebliche Landeshochschulgesetz hat man sich auch nicht zu Gemüte geführt. Die Argumentation ist dementsprechend recht simpel und wenig hochschulpolitisch. So lässt ihr scheinbar oberster Männerrechtler in der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) nur verlauten, dass nicht näher benannte „Uni-Angehörige“ den*die Gleichstellungsbeauftragte*n wegen dieses „Legitimationsdefizites“ nicht anerkennen würden. Auf ihren Flyern wird ergänzend von „echter Gleichstellung“ gefaselt.

Leider wird dieses inhaltsleere Gerede von der MZ dahingehend für voll genommen, dass man daraus einen „Streit“ an der Uni Halle macht. Tatsächlich wird diese Debatte an der Uni zurecht nicht geführt, sondern ist reines Wahlkampfthema. Dieses hat auch weniger mit den real oft genug ignorierten Gleichstellungsbeauftragten zu tun, sondern soll den sexistischen Reflex konservativer Männer bedienen: Die ominöse Gleichstellung von Frauen und Männern galt ihnen quasi schon mit dem Frauenwahlrecht von 1918 als erreicht, weshalb sie sich nun eine eigene Opferrolle gegen die feministischen Vormacht der Gleichstellungsbeauftragten erträumen.

Wenn diese Debatte, wie die MZ behauptet, irgendetwas mit Hochschulpolitik zu tun hätte, würde die Analyse der bestehenden Verhältnisse die Forderung des RCDS noch lächerlicher erscheinen lassen. Denn die Gleichstellungsbeauftragten sind zwar sinnvoll, haben aber kaum Durchgriffsmöglichkeiten, sondern im jeweiligen Fakultätsrat oder Senat eine ganze Stimme. Hier haben sie meistens ähnliche Positionen wie die studentischen Vertreter*innen und die der Beschäftigten, stehen allerdings ebenso der Übermacht der Professorenschaft gegenüber, die zu fast 90 Prozent aus Männern besteht. Diese Professor*innen wählen sich dann eine Führungsebene zusammen, die nicht nur ihren Status, sondern auch das interne Geschlechterverhältnis reproduziert: So besteht das fünfköpfige Rektorat aus fünf Männern und die neun Fakultäten werden von sieben Dekanen und nur zwei Dekaninnen geleitet. Demgegenüber gibt es bei den Mitarbeiter*innen einen deutlich höheren Frauenanteil und weibliche Studierende sind schon seit Jahren in der Mehrheit.


Wer keine Scheu davor hat, die bestehenden und zaghaften Versuche, die gleichstellungspolitische Situation an der Universität zu verbessern, so zu diffamieren wie der RCDS es tut, hat offensichtlich keine Ahnung oder möchte einfach männliche Behauptungsreflexe instrumentalisieren.


Wer an dieser Stelle also keine Scheu davor hat, die bestehenden und zaghaften Versuche, die gleichstellungspolitische Situation an der Universität zu verbessern, so zu diffamieren wie der RCDS es tut, hat offensichtlich keine Ahnung oder möchte einfach männliche Behauptungsreflexe instrumentalisieren, die sich gegen mögliche weibliche Konkurrenz richten. Dass dabei auch jede Arbeit gegen sexistische oder andere Diskriminierung gefährdet wird, ist dann auch egal. Darin liegt auch das gefährliche Potential der RCDS-Propaganda: Da die Forderung nach konkreter Gleichstellung historisch „von oben“ (Landesregierung) oder von den Statusgruppen der Studierenden und Mitarbeiter*innen kam, kann die Position einer regierungsnahen Studierendengruppe natürlich Oberwasser für diejenigen unter den Professor*innen bieten, denen das „Gleichstellungszeug“ ohnehin zu viel ist.

Hier gilt es zum einen zu betonen, dass der RCDS nicht ernsthaft diskutieren, sondern werbend polemisieren will. Zum anderen muss darauf hingewiesen werden, dass die Gleichstellung an der Universität alles andere als erreicht ist. Vielmehr ist es sogar so, dass die reinen Zahlen an der Uni Halle diese als Ort ausweisen, der sogar überdurchschnittlich stark von Männern dominiert wird. Und das Wichtigste: Man kann die universitären Initiativen für Gleichstellung sicher für ihren fehlenden Einfluss kritisieren, sollte sie aber gegen jeden reaktionären Angriff verteidigen.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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