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1968 – eine nationale Erfolgsgeschichte?

Über einige Aspekte der Revolten um das Jahr 1968 herum

von | veröffentlicht am 17.04 2018

© Corax

1968 – ein deutsches Märchen mit Spannungsbogen? Der vorliegende Beitrag aus der aktuellen Corax-Programmzeitschrift thematisiert diese in der deutschen Nachkriegsgeschichte bedeutende Zeit, ohne Teil eines versöhnenden Rückblicks werden zu wollen, und blickt dafür auf Aspekte von 1968, die nicht in jener Erzählung aufgehen, in der die persönliche Geschichte sich mit der Nationalgeschichte verbindet.


Wenn im Jahr 2018 öffentlich über das 50-jährige Jubiläum von 1968 nachgedacht wird, dann wird nur ein Teil der Öffentlichkeit eine nachträgliche Dämonisierung vornehmen. Konservativen und Rechts-Nationalen ist 1968 ein Lehrbeispiel dafür, dass einem utopischen Aufbruch ein dämonisches Gewaltpotential innewohnt – sie ziehen eine direkte Verbindung von den vorlauten Schwärmereien eines Rudi Dutschke zu den Kugeln aus den Gewehren der RAF. Und sie warnen vor dem viel zu großen Einfluss, den die 1968er noch heute auf unsere Öffentlichkeit haben. Ein anderer Teil der Öffentlichkeit – und vielleicht ist es der größere – wird 1968 als Erfolgsgeschichte erzählen. Hier gilt 1968 als ein Aufbruch, der unsere ganze Öffentlichkeit, Kultur und Politik gründlich modernisiert und zivilisiert hat, der uns heute in Freiheit und Pluralität leben lässt, ein Aufbruch, der so sehr zur deutschen Geschichte dazu gehört, dass man gründlich stolz darauf sein kann. Tatsächlich haben viele wichtige Persönlichkeiten der gegenwärtigen Politik und Kultur mit 1968 ihre Karriere begonnen – und so ist 1968 ein Teil ihrer persönlichen Erfolgsgeschichte.

Generationenkonflikt und Kulturrevolution

Will man 1968 als Erfolgsgeschichte erzählen, muss man einen Teil dieser Geschichte jedoch zurücknehmen: Vieles von dem, was man damals dachte und tat, war möglicherweise Bestandteil der Dynamik einer Konfliktkonstellation – aber es ist doch übertrieben gewesen. Klassenkampf, Internationalismus, Versuche der kollektiven Organisation des Alltags, Kommunismus gar – müde darf man darüber lächeln, wenn heutige Protagonist*innen daran anknüpfen wollen, denn man weiß ja selbst, dass es Flausen sind, wenn man denn erfolgreich sein will. Angesichts der eigenen Läuterung verzeiht man sich diese Flausen, wie manchen selbst geworfenen Stein, um es umso entschiedener zu verurteilen, wenn es heute jemand denkt oder tut. So bleiben von 1968 übrig: Ein Generationskonflikt, der manchmal heftig war, der aber schließlich in eine Versöhnung münden konnte und eine Kulturrevolution, die der BRD einen bunteren Anstrich verschaffte. Beides ist eingebettet in eine Erzählung, in der die persönliche Geschichte sich mit der Nationalgeschichte verbindet: 1968 – ein deutsches Märchen mit Spannungsbogen. Will man 1968 thematisieren, ohne Teil eines solch versöhnenden Rückblicks zu werden, lohnt es sich, auf Aspekte von 1968 zu blicken, die nicht in dieser Erzählung aufgehen.


Dass viele Jugendliche diese Perspektive verweigerten, lässt 1968 als Jugendrevolte erscheinen – damit sind jedoch Normierungen und Konflikte verbunden, die die Klasse als Ganze betrafen.


So ist als erstes darauf hinzuweisen, dass 1968 kein deutsches Ereignis gewesen ist, nicht einmal ein ausschließlich westliches, sondern ein mehrdimensionales Weltereignis. Nicht nur in Deutschland, Frankreich und Italien gingen in diesen Jahren Menschen auf die Straße – sondern auch im Ostblock rumorte es in zahlreichen Ländern. 1968 ist schließlich ohne die antikolonialen Befreiungsbewegungen im globalen Süden nicht zu denken. Diese Ereignisse fallen nicht in eins, aber sie bedingen und beeinflussen sich gegenseitig.

1968 markiert einen Punkt, an dem ökonomische Modernisierungsprozesse und Vorgänge in der geopolitischen Ordnung zunehmend zu Konflikten führten. Die beiden Nachkriegsjahrzehnte waren im Westen Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs. Dieser Aufschwung basierte auf der Etablierung des Wohlfahrtsstaats, der große Teile der Arbeiter*innenklasse integrierte und mit Hilfe des Klassenkompromisses umhegte, und auf dem fordistischen Modell des Konsumkapitalismus. Dass beiden Momenten ein Widerspruch innewohnte, wird an Konflikten deutlich, die sich überall um die Jugend aufmachten: Einerseits etablierte die Freizeitindustrie ein ganzes Konsumfeld, in dem der Zeitabschnitt der Jugend mit einem Freiheits- und Glücksversprechen verbunden war. Andererseits bot das zugrundeliegende Produktionsmodell nur eine einzige Perspektive: Ein trostloses, lebenslanges Dasein als Lohnarbeiter*in, gefangen in den vier Wänden der normierten Einfamilienwohnung. Dass viele Jugendliche diese Perspektive verweigerten, lässt 1968 als Jugendrevolte erscheinen – damit sind jedoch Normierungen und Konflikte verbunden, die die Klasse als Ganze betrafen.

Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Lohnarbeit

Dass der Konflikt um die Jugend 1968 immer auch eine Klassendimension hatte, wird an der Student*innen- und Lehrlingsbewegung deutlich. Das Modell des Wohlfahrtsstaats implizierte auch, dass die höheren Bildungsinstitutionen für Kinder aus proletarischen Familien geöffnet wurden und sich der Ausbildungsweg verlängerte. In den Universitäten erwartete diese Student*innen mit proletarischer Herkunft eine Kultur und ein Habitus, der mit ihrer eigenen bisherigen Lebenserfahrung nicht in Einklang zu bringen war. In den Ausbildungsbetrieben, in denen zuvor erheblich jüngere Menschen ausgebildet worden waren, wurden junge Erwachsene wie Kinder behandelt und sie wurden hier genauso bevormundet, wie in ihren autoritären Kleinfamilien. Weil die Jugendlichen diesem Kreislauf entkommen wollten, suchten sie nach anderen Lebensformen – und von hier aus stellten sie die ganze vorgefundene Reproduktionsweise (inkl. des Geschlechterverhältnisses) in Frage. Die Student*innen hinterfragten erst die veralteten Inhalte der Lehre, dann ihre eigene Rolle als zukünftige Sachwalter*innen des Ausbeutungsprozesses und die Jungarbeiter*innen entwickelten eine Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Lohnarbeit.


Die Bewegung im Westen empörte sich über das brutale Vorgehen der westlichen Mächte und bekam beim Protest dagegen zum ersten Mal die Polizeiknüppel der eigenen Staaten auf die Köpfe.


Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegsjahrzehnte basierte auch auf einer Neuorientierung im globalen Süden. In vielen südlichen Ländern unterstützte der Westen autoritäre Regime, die einen Zugriff auf Märkte und Ressourcen sicherstellten. Wo dies nicht funktionierte, wurden kriegerische Auseinandersetzungen forciert. Die USA führten einen barbarischen Krieg in Vietnam, Frankreich hatte zuvor im Algerienkrieg ein unrühmliches Kapitel geschrieben. Dagegen erhoben sich überall im globalen Süden starke Unabhängigkeitsbewegungen, die nicht selten sozialistisch gefärbt waren. Verstärkt durch migrantische Kontakte in den Norden und eine neue Entwicklung der Medien, die auch hier stattfand, bekamen antikoloniale Bestrebungen einen revolutionären Charakter. Die Bewegung im Westen empörte sich über das brutale Vorgehen der westlichen Mächte und bekam beim Protest dagegen zum ersten Mal die Polizeiknüppel der eigenen Staaten auf die Köpfe. Unter dem Blickwinkel dieser Erfahrung entdeckten sie den globalen Charakter der kapitalistischen Arbeitsteilung und die Erkenntnis, dass sich eine Revolution am Weltmaßstab orientieren muss.

Sozialistische Bewegungen in West und Ost

Während im Westen technokratisch-planerische Elemente in die Politik Einzug erhielten, fanden auch in den „Planwirtschaften“ des Ostblocks ab den 50’er Jahren Modernisierungsprozesse statt – wichtige Merkmale des Fordismus (wie seiner Krise) treffen sowohl auf den Westen, als auch auf den Osten zu. Während die Orientierung der Produktion an der Aufrüstung im Zuge des kalten Krieges im Osten zu Verschlechterungen in den Lebensverhältnissen führten, wurde der Tod Stalins zum Auslöser für Reform-, Aufstands- und Protestbewegungen in der DDR, der Tschechoslowakei und Ungarn. Der Prager Frühling steht für einen Aufbruch auch in diesen Ländern, der nicht selten mit Ansätzen von Arbeiter*innenselbstverwaltung einherging. „Damit entstand eine eigenständige sozialistische Bewegung, mit deren Unterstützung im Westen sich ‚der Osten‘ ebenso schwertat, wie ‚der Westen‘ mit ihrer Unterstützung im Osten. Sie richtete sich gegen beide Machtblöcke gleichermaßen.“[1]

Die Nachricht von der Niederschlagung des Prager Frühlings führte dazu, dass sich viele westliche Kommunist*innen von einer Spielart des Marxismus lösten, die an der Sowjetunion orientiert war. Dies ging einher damit, dass revoltierende Arbeiter*innen, Student*innen und Auszubildende überall im Westen mit den klassischen Arbeiterparteien brachen oder sie umgedreht von ihnen als Abweichler*innen ausgeschlossen wurden. Der Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD gegen den SDS, der französische Generalstreik im Mai 1968, der sich gegen KPF und CGT[2] Bahn brach, die diversen operaistischen Gruppierungen, die in Italien begannen sich jenseits der sozialistischen und kommunistischen Parteien und Gewerkschaften zu orientieren, legen Zeugnis davon ab. Ausgehend davon wurde eine „andere Arbeiterbewegung“[3] entdeckt, die im Geschichtsbild der stalinistischen KPs nur im Modus der Diffamierung vorgekommen war: Die mit dem Rätekommunismus, Linkssozialismus und Anarchismus verbundenen Bewegungsstränge. Orientiert an diesen abgebrochenen Theorie-Traditionen entstanden zahlreiche theoretische Debatten, die versuchten, sich an der damaligen Gegenwart zu orientieren und die den heutigen Diskussionsstand oftmals überragen.

Die Beschreibung dieser Aspekte von 1968 ist nicht vollständig[4]. Allein sie geben Hinweis auf Geschichten, die nicht in der Erzählung vom „Generationskonflikt“, von der „Kulturrevolution“, von der bundesdeutschen Erfolgsgeschichte aufgehen. Dass diese Geschichten ein anderes Bild von 1968 andeuten, darf nicht zu einer unkritischen Romantisierung dieser Zeit führen. Was heute zu einem faden Beigeschmack führt, ist nicht nur die nationalgeschichtliche Eingemeindung dieser Auseinandersetzungen, sondern ist in der damaligen Bewegung selbst angelegt. Der naive und schrille Protest-Gestus, der oftmals in Moralismus abgleitet – der Versuch, die Verhältnisse des Trikont einfach auf die Metropolen zu übertragen – der Übergang der antikolonialen Bewegungen in nationale Befreiungsbewegungen – die Vereinfachungen des antiimperialistischen Weltbilds – der marxistisch-leninistische Backlash in den K-Gruppen – der oftmals konstruktive Bezug auf den Staat von enttäuschten Staatsbürger-Gewissen, der schließlich in den gutgläubigen „Marsch durch die Institutionen“ führt …: all dies ist unweigerlich Bestandteil der damaligen Bewegung. Zu untersuchen, was an ihr gerettet werden kann, was an ihr vom heutigen Stand aus kritisiert werden muss, ist allemal besser als das an 68 geläuterte Nationalbewusstsein.


[1]Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, Frankfurt a.M. 2017, S. 179.

[2]KPF = Kommunistische Partei Frankreichs, CGT = großer Gewerkschaftsbund, der traditionell der KPF nahe steht.

[3]Vgl. Karl-Heinz Roth: Die „andere“ Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland, München 1974.

[4]Die Auseinandersetzung mit der Kontinuität des Nationalsozialismus, die im Nachkriegsdeutschland von Teilen der Student*innenbewegung und kritischen Intellektuellen forciert wurde, wäre etwa ein eigenes, äußerst wichtiges Kapitel.

Gastbeitrag von Radio Corax

Alle reden von 1968. Radio Corax auch. In der aktuellen Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax (April+Mai 2018) geht es um das unabgegoltene 1968, um das „proletarische 1968“, und ’68 in der DDR und um den neurechten Bezug auf ’68. Transit veröffentlicht drei Beiträge aus der Zeitschrift in der Langfassung.

Der Beitrag erschien erstmals in der 2018er April+Mai-Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.