„Unsere Leute werden mit deutschen Waffen getötet“

Interview mit Jann über den türkischen Angriff in Nordsyrien und die Afrîn-Solidaritätsdemonstrationen in Halle

von | veröffentlicht am 16.03 2018

© Transit

Seit Mitte Januar führt die türkische Armee einen Krieg gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Zivilbevölkerung in Afrîn – unter anderem mit Waffen aus Deutschland. Während die Bundesregierung weiterhin Rüstungslieferungen in die Türkei in Millionenhöhe genehmigt, gehen zahlreiche Menschen auf die Straße, um gegen den Angriffskrieg zu demonstrieren. Wir sprachen mit einem der Organisator*innen der Demonstrationen in Halle.




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Bevor Jann nach Halle gezogen ist, lebte er in Afrîn, der Hauptstadt einer der drei Distrikte, die sich im Zuge des Kriegs in Syrien zur Demokratischen Föderation Nordsyriens – Rojava zusammengeschlossen haben. Mit Beginn der türkischen Angriffe auf die Stadt hat er sich mit anderen Kurd*innen in Halle zusammengetan, um gemeinsam gegen den Krieg und die deutschen Waffenexporte in die Türkei zu demonstrieren. Solange die Angriffe gegen die kurdische Bevölkerung anhalten, sagt Jann, wird es in Halle regelmäßig Demonstrationen geben.

Transit: Was passiert gerade in Afrîn?

Jann: Meine Verwandten, Großeltern, Tanten und Onkels, Cousins und Cousinen, alle sind dort. Zurzeit versucht die Türkei zusammen mit Teilen der Freien Syrischen Armee, Afrîn zu besetzen. Sie betreiben einen Krieg gegen die ganze Bevölkerung, gegen junge und alte Menschen. Dieser Krieg ist sinnlos.

Transit: Wie war die Situation vor dem Angriff der Türkei?

Jann: Es war wie in den anderen Teilen Syriens vor dem Bürgerkrieg. Man konnte Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten sehen, Muslime, Christen, Sunniten, Alawiten und andere, die zusammen gelebt haben. Das und die Tatsache, dass es eine starke kurdische Armee gibt, gefällt der Türkei nicht. Sie haben Angst, dass sich Kurden aus der Türkei und aus Syrien zusammentun.

Transit: Kannst Du etwas zur gesellschaftlichen Organisation in Afrîn sagen?

Jann: Während des Kriegs in Syrien haben Kurden unabhängige Regierungen gebildet, um sich nicht am Kriegsgeschehen zu beteiligen. Wir wollten keinen Krieg, niemanden töten und niemanden von uns sterben sehen. Der kurdische Staat (die autonome kurdische Region Rojava, A.d.R.) ist wie ein richtiger Staat, mit Ämtern und so. Bis zum Angriff der Türkei hat das gut funktioniert.

Transit: Welche Auswirkung hat dieser Krieg auf die Situation in Syrien und auf die kurdische Bevölkerung?

Jann: Meiner Meinung nach, sind sowohl die syrische Regierung als auch die Freie Syrische Armee und die türkische Regierung Terroristen. Die syrische Regierung sagt jetzt, dass sie uns helfen wollen. Das ist besser als die anderen, die unseren Staat besetzen wollen. Aber wir wissen auch, was Assad in Syrien gemacht hat, er hat viele Menschen getötet. Und es ist leicht möglich, dass die syrische Regierung einen Krieg gegen die Kurden später fortsetzt. Da muss man Angst haben.

Transit: Wie realistisch ist eine Besetzung Afrîns durch türkische oder islamistische Gruppen?

Jann: Sie können diesen Krieg sehr lange machen, aber sie werden Afrîn nicht besetzen können. Unsere Leute werden bis zum Ende kämpfen. Und wenn es notwendig ist, werden Kurden von überall her nach Afrîn gehen.

Transit: In letzter Zeit wurde viel über die Exporte von Waffen aus Deutschland gesprochen, die bei dem Angriff in Nordsyrien eingesetzt werden. Was bedeutet das für den Protest speziell hier in Deutschland? Wie organisiert Ihr Euch hier, um dagegen vorzugehen? Und: welche Möglichkeiten gibt es, sich hier solidarisch zu zeigen?

Jann: Unsere Leute werden mit deutschen Panzern ermordet. Dass Deutschland sich als Mitglied der EU, in der Menschenrechte gelten, daran beteiligt, hat uns wirklich schockiert.

Wir organisieren hier Demonstrationen, in denen wir fordern, die deutschen Waffenexporte in die Türkei, die für diesen Krieg eingesetzt werden, zu stoppen.

Es ist ein schwieriges Gefühl hier in Deutschland zu leben und zu wissen, dass unsere Leute mit deutschen Waffen getötet werden. Deshalb versuchen wir hier mit unseren Demonstrationen ein Zeichen zu setzen.

Wir haben hier in Halle, aber auch in anderen Städten Demonstrationen organisiert und wir wollen das ungefähr wöchentlich fortsetzen. Wir hoffen, dass auch viele Menschen aus Deutschland daran teilnehmen, denn es geht hier um fundamentale Menschenrechte.

Wir haben unser Land verlassen und wollen hier in Deutschland bleiben. Aber wir müssen hier Unterstützung organisieren. Wir können nicht einfach weiterarbeiten oder studieren, während unsere Verwandte in Afrin im Krieg sind und mit deutschen Panzern getötet werden. Niemand in Deutschland kann das wollen. Deshalb hoffe ich, dass viele Leute in Deutschland mit uns etwas dagegen unternehmen.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.