Der statistische Betrachter

Über die Wandbilder Josep Renaus in Halle-Neustadt

von | veröffentlicht am 18.01 2018

© Transit

Sechs Jahre verbrachte der valencianische Künstler Josep Renau mit seiner Arbeit an den Wandbildern in Neustadt. Und niemandem wollten sie so recht ins Konzept passen. Während sich DDR-Institutionen darum bemühten den Wandmaler auf die Linie des sozialistischen Realismus zu bringen, war das mit der Arbeit beauftragte Kollektiv intern zerstritten. Nach der Wende wurde eines der drei Wandbilder zerstört und an dem heutigen städtischen Verwaltungsgebäude bröckelt die Fassade. Dabei steckt hinter den Keramikbildern eine komplexe Konzeption, die öffentliche Kunst in ihrer dynamischen und sozialen Funktion begreift.




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Wandbilder von Josep Renau in Halle-Neustadt im November 2017 (Bild: Paola Uribe)

 

Im Zuge meiner Forschungsarbeit über den Künstler Josep Renau habe ich im November letzten Jahres seine Wandbilder in Halle-Neustadt besucht. Vom ursprünglichen Projekt, das fünf Wandbilder umfasste und von denen Renau drei umsetzen konnte, sind heute lediglich zwei erhalten. Sie schmückten seinerzeit das im Nordwesten Neustadts gelegene Bildungszentrum und wurden als thematische Einheit konzipiert, in der die Idee des Menschen als Beherrscher der Natur und Gestalter der Welt zum Ausdruck kommt.

 

Josep Renau stellt 1971 das Projekt der Wandbilder für Halle-Neustadt während eines Besuchs des berühmten mexikanischen Künstler David Alfaro Siqueiros in Berlin vor. (Bildquelle: Otto. Archiv Marta Hofmann © Fundación Josep Renau)

 

Die ersten Arbeiten begannen 1968 und  dauerten sechs Jahre bis zum Abschluss des Werks an. Zwei der geplanten fünf Wandbilder dekorierten die Treppenhauswände des Lehrlingswohnheims und ein weiteres wurde an der Fassade der Klubmensa angebracht. Um das für die Schwimmhalle geplante Wandbild entfachte sich bereits während der Planungsphase ein Streit, weshalb Renau an seinem Abschluss nicht beteiligt war. Darüber hinaus war ein Mosaik für das chemische Laboratoriumsgebäude geplant, das jedoch im Vorfeld verworfen wurde. Für diese Arbeiten stellte Renau ein Arbeitskollektiv zusammen, zu dem Doris Kahane, Nuria Quevedo und Helmut Diel zählten. Wenige Monate später kamen René Graetz, Herbert Sandberg sowie Karl Rix hinzu.

 

Bau des Bildungszentrums in Halle-Neustadt. (Bildquelle: © Fundación Josep Renau/Instituto Valenciano de Arte Moderno)

 

Vorbereitung der Flächen für die Wandbilder. (Bildquelle: © Fundación Josep Renau/Instituto Valenciano de Arte Moderno)

 

Das Verfahren für die Konzeption und Herstellung der Wandbilder an den Gebäudefassaden ist komplex. Renau berücksichtigte dabei sowohl die Architektur und den urbanen Raum als auch die potentielle Bewegung des Betrachters. Für diese sind zwei visuelle Elemente zentral: Die Distanz, aus der das Wandbild betrachtet werden kann , und die Betrachtungswinkel, die sich aus den jeweiligen Standpunkten des Betrachters ergeben. Auf der Grundlage dieser Elemente entwarf Renau eine Figur, die er den „statistischen Beobachter“ nannte.

Für die Herstellung der Wandbilder verwendete er Keramik, ein Material, das sich durch sein Witterungsbeständigkeit auszeichnet. Die farblichen Elemente bilden geometrische Figuren und räumliche Kontraste von Licht und Schatten. Für die Gestaltung nutzte Renau Fotomontagen als  Ausgangsmaterial, auf deren Grundlage er mittels Abstraktion zwei visuelle Ebenen schuf, die es dem Betrachter ermöglichen, das Wandbild von nahem (inhaltlich-konkret) und aus der Ferne (figurativ-abstrakt) zu sehen.

 

Entwurf der Wandbilder für das Bildungszentrum. (Bildquelle: © Fundación Josep Renau/Instituto Valenciano de Arte Moderno)

 

Nach Abschluss der Wandbilder: Die Klubmensa (vorne) und das Lehrlingswohnheim (hinten). (© Fundación Josep Renau/Instituto Valenciano de Arte Moderno)

 

Nach längeren Auseinandersetzungen mit einigen Mitgliedern des Arbeitskollektivs gelang es Renau lediglich das horizontale Wandbild der Klubmensa und die Vertikalen am Lehrlingswohnheim fertigzustellen. Das Bild an der Mensaaußenwand betitelte er mit “Der Marsch der Jugend”, während er dem am linken Treppenhaus des Wohnheims angebrachten Wandbild den Namen “Die Beherrschung der Natur durch den Menschen” gab und das Bild auf der rechten Seite “Die Kräfte der Natur” nannte.

Bevor Renau letzteres Wandbild fertigstellen konnte, wurde er vom Beirat für Bildende- und Baukunst Neustadt dazu gedrängt, dessen thematische Gestaltung zu verändern, da es kein ausdrücklich politisches Motiv enthalte und nicht der Ikonographie des sozialistischen Realismus entspreche. Der Valencianer schlug ein neues Projekt vor, in dem das Konterfei Karl Marx’ als Hauptperson erscheint, und versah dieses mit dem Titel “Die Einheit der Arbeiterklasse und die Gründung der DDR”.

Dem heutigen „statistischen Betrachter“ ist es übrigens aufgrund der städtebaulichen Veränderung in Halle-Neustadt nicht mehr möglich, die Gesamtheit der Wandbilder aus den verschiedenen Entfernungen und  Perspektiven zu sehen. Das einzige Fragment, das immer noch von verschiedenen Standpunkten aus zu sehen ist, ist Marxens Konterfei.

 

Das ehemalige Lehrlingswohnheim wird heute als städtisches Verwaltungsgebäude verwendet. Auf der linken Seite: „Die Einheit der Arbeiterklasse und die Gründung der DDR“. Zur Rechten: „Die Beherrschung der Natur durch den Menschen“. (Bildquelle: © Fundación Josep Renau/Instituto Valenciano de Arte Moderno)

 

Neustadt war eine von mehreren Städten, die in der DDR mit besonderem Augenmerk auf die künstlerische Gestaltung des öffentlichen Raumes entworfen und gebaut wurden. 1998 spielte die Bewahrung dieser Kunst aber offenbar keine Rolle mehr für die neue Kulturpolitik der nun mit dem benachbarten Halle vereinigten Stadt. Das Wandbild “Der Marsch der Jugend” an der Klubmensa wurde, ohne sonderlich Aufsehen zu erregen, abgerissen. Zivilgesellschaft, Experten und Schüler Renaus wurde über den geplanten Abriss in Unkenntnis gelassen und konnten daher auch nicht rechtzeitig intervenieren.

Diese Situation hat sich allmählich gewandelt. 2005 beauftragte die Stadt Halle den Restaurator Carsten Hüttich mit der Restauration eines der beiden verbleibenden Wandbilder, das 37 Meter misst. Das am rechten Gebäudeflügel angebrachte Wandbild befindet sich hingegen in einem sichtbar schlechten Zustand. Teile der Keramikplatten lösen sich ab und und werden mit einem Netz davor bewahrt gänzlich herunterzufallen. Zu wünschen wäre, dass die Stadt ihr kulturelles Erbe nicht länger vernachlässigt und eine weitere Restaurierung in Angriff nehmen wird.

 

Die Einheit der Arbeiterklasse im Jahr 2017. (Bild: Paola Uribe)

 

Die Keramikkacheln lösen sich teilweise ab und werden behelfsmäßig durch ein Netz vor weiterer Zerstörung geschützt. (Bild: Paola Uribe)

Josep Renau wurde 1907 in Valencia geboren. 1939 floh er vor der franquistischen Diktatur zunächst ins mexikanische Exil und lebte von 1958 bis zu seinem Tod 1982 in Ostberlin.

Übersetzung vom Spanischen ins Deutsche: Michael Karrer

Paola Uribe forscht im Rahmen ihres Promotionsprojekts an der Autonomen Nationaluniversität Mexikos (UNAM) zur mexikanischen Phase des spanischen Künstlers und Wandmalers Josep Renau.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.