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Gibt es das Übernatürliche?

Stephen Kings „ES“ verliert seinen Schrecken

von | veröffentlicht am 02.11 2017

© Transit

Seit September läuft „ES“ in den Kinos. Steven-King-Fans haben lange auf diese Neuverfilmung des großen Klassikers gewartet. Inwiefern der Film die an ihn gestellten hohen Erwartungen zu erfüllen vermag, beleuchtet der folgende Text eines begeisterten King-Lesers.


“Der Schrecken, der weitere 28 Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt ein Ende nahm, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb.” Mit diesen Worten leitet der amerikanische Schriftsteller Stephen King, unter Verkennung seiner literarischen Leistungen oft nur als „Meister des Horrors“ bekannt, seinen 1986 erschienenen Roman “Es” – im Original “It” – ein. Es folgt eine Geschichte, welche die Leser*innen in die amerikanische Kleinstadt Derry der 50er Jahre (im Film sind es die 80er) entführt, in der seit ihrer Gründung immer wieder Menschen, vorzugsweise Kinder, tragisch ums Leben kommen oder verschwinden – und zwar öfter, als es für amerikanische Verhältnisse üblich ist.

Der bislang noch wenig bekannte Regisseur Andrés Muschietti folgt zu Beginn der ersten Kinoverfilmung eines der wohl bekanntesten King-Romane sehr genau der Vorlage: “Ein kleiner Junge in gelbem Regenmantel und roten Überschuhen rannte fröhlich neben dem Papierboot her.” Er wird die nächsten Minuten nicht überleben. So weit, so bekannt. Danach beginnen Vorlage und filmische Interpretation sich voneinander zu trennen: Während im Buch der leblose, entstellte Körper des Kindes gefunden wird, verschwindet er auf äußerst brutale Weise im Film dort, wo zuvor schon das Boot ins Dunkle getrieben war: im Gully am Bordstein.


Ein gut geschminkter Clown, ein paar abgerissene Gliedmaßen, literweise Filmblut und eine dunkel-drohende Hintergrundmusik reichen nicht aus, um wirklichen Schrecken aufkommen zu lassen.


Solche Unterschiede zwischen Vorlage und Interpretation sind es, die dem Film im Verlauf die Klasse nehmen, die den King’schen Horror von den üblichen Gruselstorys unterscheiden. Natürlich soll und kann ein Film eine Romanvorlage nicht 1:1 umsetzen und gerade an der Verfilmung von King-Geschichten sind manche zuvor schon weitaus deutlicher gescheitert. Doch ein gut geschminkter Clown mit einem unendlich tiefen Gebiss, ein paar abgerissene Gliedmaßen, literweise Filmblut, die üblichen Hollywood-Schubladen-Überraschungsmomente und eine dunkel-drohende Hintergrundmusik reichen nicht aus, um wirklichen Schrecken aufkommen zu lassen. Auch dann nicht, wenn Kinder die Hauptleidtragenden in der Geschichte sind.

Überzeugender gelingt die detailreiche Zeichnung der Coming-of-Age-Geschichte, in die sich “der Schrecken” immer stärker hinein drängt. Im Mittelpunkt steht eine Kinderbande aus vermeintlich typischen “Verlierern” – schon aus der Vorlage als „Losers‘ Club“ bekannt: der stotternde ältere Bruder des zu Beginn ermordeten Jungens, ein der sexuellen Gewalt ihres Vaters ausgesetztes und in der Schule geächtetes Mädchen, ein übergewichtiger schüchterner Intellektueller,der einzige Jude der Schule, ein überbehüteter Hypochonder, ein rassistisch terrorisierter Schwarzer und ein vorlauter Brillenträger. Sie finden zusammen und nehmen den Kampf auf: gegen die eigene, perspektivlose Lebenssituation, gegen die Bullys aus der Schule und vor allem gegen das Monster, das Derry seit Generationen im Griff hält. Eingepackt in Bonbon-Farben und märchenhafte Harry-Potter-Musik bestechen vor allem die überzeugt besetzten Hauptdarsteller*innen mit Spielfreude. Dem Grauen fällt es schon alleine deshalb schwer, sich in der Inszenierung den nötigen Respekt zu verschaffen, den ein Horrorfilm braucht, um nicht ins Komische abzudriften.


Der psychosoziale Schrecken, der in Kings Buch gleichwertig neben dem übernatürlichen Grauen, das ES verbreitet, steht, vermag sich nicht vollends zu entfalten.


Die Botschaft kommt dennoch an: Man kann seine Ängste nur dann besiegen, wenn man sich ihnen stellt. Und wer daran wächst, dem gelingt es im Gegenzug, jenen das Fürchten zu lehren, die anderen das Leben mit Angst und Schrecken schwer zu machen versuchen. Schade, dass der Film dabei so wenig über das trostlose Derry erzählt, das auf einer anderen Ebene schrecklich ist: Die überbehütende Mutter, die ihren Sohn mit Placebos vollstopft, der gewalttätige Vater, dessen sexueller Attacke sich seine Tochter nur mit einem gezielten Tritt entziehen kann, oder der gefühlskalte Sheriff, der seinem Bully-Sohn zum Opfer fällt. Sie haben zwar beachtliche Auftritte, kommen aber zu kurz und bleiben so im oberflächlichen Klischee hängen, das leider auch den Rollen der Hauptdarsteller*innen und ihrer Minderheitenzugehörigkeit deutlich anhaftet. Der psychosoziale Schrecken, der in Kings Buch gleichwertig neben dem übernatürlichen Grauen, das ES verbreitet, steht, vermag sich so nicht vollends zu entfalten.

Immerhin ist Platz für eine zweite Botschaft: Die vermeintlichen Verlierer-Typen sterben nicht wie üblich gleich zu Beginn oder nehmen gar die Rolle der Übeltäter ein. Sie werden in ihrer Vielfältigkeit und aus ihrem mehr oder weniger prekären Kontext heraus zu den Held*innen der Geschichte, bleiben trotz widrigster Umstände solidarisch, und verbuchen auch deshalb am Ende den Sieg für sich. – So grausig-klassisch “Hollywood“ dieses Ende dann auch ist, als “Stotter-Bill“ der einzigen weiblichen Hauptrolle den lang ersehnten Kuss aufdrückt. Bunte Farben, romantische Musik, Sonnenschein. Vorhang fällt.

„Für Kinder ist Dichtung Wahrheit innerhalb der Lüge, und die Wahrheit dieser Geschichte liegt auf der Hand: es gibt das Übernatürliche“, so Stephen King in seiner Buchwidmung von 1986. Die aktuelle Interpretation mag diese Wahrheit zwar nicht gerade beflügeln, dafür kommt das Übernatürliche etwas zu plump-plakativ daher. Doch sie vermag mit Witz, zwei sympathischen Botschaften und einer überzeugenden Besetzung zumindest gut zu unterhalten. Freund*innen der großen King’schen Erzählung lesen dennoch lieber erst einmal das Buch.

Steven Kings „ES“

Die Romanvorlage zum aktuellen Film erschien erstmals 1986. Die Geschichte spielt zum einen in den späten 50er Jahren, in denen sich die Hauptfiguren das erste mal im Kindesalter kennenlernen. Sie treffen sich Mitte der 80er Jahre als Erwachsene wieder um den Kampf gegen das Monster „ES“ erneut aufzunehmen.

Der aktuelle Kinofilm erzählt die Geschichte der Kinder, wobei der Regisseur die Handlung in die 80er Jahre verlegt. Ein zweiter Teil, der dann genau in unserer Zeit spielen dürfte und den Endkampf der Erwachsenen gegen ES beleuchtet, soll folgen. Die erste Verfilmung, damals noch für das Fernsehen, stammt aus dem Jahr 1990.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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