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DOK Leipzig 2017: Vierter Erlebnisbericht und Abschluss

Teil 4 direkt vom Festival: Feine Sahne, schwere Filme, heiße Diskussionen

von | veröffentlicht am 06.11 2017

© per.spectre

10.31 Uhr: Lange Schlange für Feine Sahne. Es herrscht großer Andrang bei der Vorführung von "Wildes Herz" über Monchi, den Sänger von Feine Sahne Fischfilet. Und das schon am frühen Morgen! Im Universum-Saal im Passage-Kino ist kein Platz mehr frei.


Treffe J., der mir vom Rest der gestrigen Veranstaltung im Hauptbahnhof erzählt. Der Film habe nicht „keine Haltung“, wie viele kritisieren, sondern gerade die affirmative Darstellung sei ja auch eine Haltung. Etliche Kontexte zum Thema seien nicht benannt, stattdessen sehe man die Protagonist/innen sehr oft bei privaten Beschäftigungen. Der Erkenntnisgewinn des Films ist offenbar so groß, wie ich vermutet habe. René Jahn vom Pegida-Orgateam wurde nach der Vorführung auf die Bühne gebeten, umarmt, etc., das ganze Programm eben, wie bei anderen Hauptfiguren auch. Die Diskussion, das heißt die Statements einiger kritischer Personen waren allerdings gut, so höre ich heraus. Die Kritik wurde von der Regisseurin Sabine Michel allerdings konsequent abgewiegelt: Sie könne verstehen, dass … jedoch müsse man miteinander reden. Meine bittere Ahnung wird nochmals bestätigt: Schafft der liberale bis linksliberale Kulturbetrieb im Jahre Drei nach Pegida wirklich nicht mehr als das Dialogparadigma zu bekräftigen? Ist es Taktik oder Naivität, dass ein Film wie „Montags in Dresden“ mit dem Argument, wonach man „auch Kontroverses zum Thema machen“ wolle, einen derart prominenten Platz bekommt? Haben die Verantwortlichen tatsächlich nicht verstanden, dass die Kritik nicht auf die Thematisierung sondern auf die Form der Thematisierung zielt?

10.37 Uhr

Die Moderatorin heißt uns willkommen zur Berlinale was zu großem Gelächter führt.

10.43 Uhr

Der Monchi-Film ist eine Wohltat. Gezeigt wird, was ich nicht nur bisher am Festival, sondern auch sonst in der Öffentlichkeit in letzter Zeit vermisse: Die Repräsentation von Personen, die sich für progressive Ideen und gegen die Extreme Rechte engagieren. Vor drei Jahren lautet der Tenor: Wir müssen mit den besorgten Bürgern reden. Das hat sich verschoben. Jetzt heißt es: Wir müssen mit den Rechten reden. Wo das alles noch hinführt, wird die Zukunft zeigen. Aber wer redet eigentlich mit den Opfern rechter Gewalt oder den Antifaschist/innen?

Charly Hübner hat das getan und daraus ist ein stabiler Film geworden für den ich große Sympathien hege. Sicherlich ist es nicht das innovativste Werk auf dem Festival, aber ein sehr sehenswertes. Monchis Werdegang zum Antifaschisten, der weiter auf dem Land leben will, wird nachvollziehbar gezeigt – z.B. mit Rückgriff auf die pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 ohne ihn ausschließlich als Helden abzufeiern. Außerdem kann man „Wildes Herz“ komplementär zu „Über Leben in Demmin“ sehen. Der Naziaufmarsch zum 8.Mai wird dort von der Gegenseite gezeigt. Feine Sahne Fischfilet sind unter den Gegendemonstrant/innen und beziehen klare Stellung, an Stellen wo Dialog-Wischi-Waschi fehl am Platze ist. Außerdem ist der Film gut für einige Weisheiten: „Wir wurden schon so oft angegriffen aber (…) wir zeigen, dass wir nicht diejenigen sind, die Nazis Rosen auf den Weg streuen und dass wir uns wehren“, „man hat sich grad zu machen“ und (in Bezug auf Flüchtlinge): „man lässt die Leute nicht verrecken. Punkt. Da wird es ganz viele Probleme geben, aber als Gesellschaft hat man die auszufechten.“ „Wildes Herz“ wird ab April in den Kinos laufen. Das solltet ihr euch anschauen.

14.00 Uhr

„Inkotanyi“ ist ein wuchtiger Film wie ein dickes Geschichtsbuch. Das Wort leitet sich aus dem Verb für kämpfen ohne aufzugeben ab und ist der Spitzname der Ruandischen Patriotischen Front, die den Völkermord an den Tutsi stoppte. Nicht nur die Länge des Films mit seinen 125 Minuten ist mächtig, sondern auch die Masse an Fakten, Interviews und Archivaufnahmen, die der Regisseur Christophe Cotteret zusammengetragen hat. Im Unterschied zu anderen Filmen, die sich nur auf die subjektive Perspektive der Protagonist/innen verlassen, befragt er auch Historiker und Geschichtsbücher. Er habe ein Jahr vor Beginn des Films damit verbracht Bücher zu lesen, so Cotteret im anschließenden Filmgespräch. Eine Frau aus dem Publikum kritisiert, dass seine subjektive Position im Film nicht zu erkennen sei – trotz eines entsprechenden Statements vor dem Abspann. Cotteret sagt, dass dies auch nicht das Ziel des Films sei. Es gehe ihm darum, ein politisches Problem als politisches Problem zu erklären. Das geschehe natürlich aus seiner eigenen Perspektive heraus. Außerdem gehe es ihm um die Probleme von Essentialisierung und Negationismus. Selbst Francois Mitterand habe einst gesagt, dass die Menschen in Afrika sich halt gegenseitig umbringen, dass das nun mal so sei. Dagegen setzt er das Aufzeigen von gesellschaftlichen Dynamiken. Zudem gebe es etliche Leute (Cotteret: „Negationisten“) die bezweifeln, ob der Genozid überhaupt stattgefunden habe, auch in Europa. Das liegt nicht zuletzt an der politischen Unterstützung für Hutu-Extremisten durch die französische Politik – vor, während und nach dem Genozid.

19.45 Uhr

Nicht viel erbaulicher ist das Thema von „Password: Fajara“, eines Kurzfilms über den sogenannten „Dschungel von Calais“. Aufnahmen, die fast ausschließlich bei Nacht entstanden sind, zeigen die verzweifelten Versuche junger Männer in das Innere der Lastwagenanhänger zu kommen, um von Frankreich hinüber nach Großbritannien zu fahren. Bisher kannte ich nur die Darstellung der Sichtweisen von Truckfahrern, oder wie sie von Nachrichtenagenturen und Facebookseiten besorgter Bürger wiedergegeben werden. Die Flüchtenden treten auf diesen Bildern nur als dunkle, aggressive Schatten mit gleißend hellen Augen in Erscheinung. In „Password: Fajara“ bekommen sie eine Geschichte und Gefühle.

23.47 Uhr

Wieder bin ich auf einer Premierenparty. Beim Rauchen auf dem Balkon kommt das Gespräch erneut auf „Montags in Dresden“. Gestern noch hatte die Festivalleitung sogar ein Statement abgegeben. Der Film übertrage „die Verantwortung für die Wahrnehmung den Zuschauerinnen und Zuschauern und gibt nicht eine Meinung vor.“ (Oi, Oi, Oi!) Die Menschen mit denen ich mich bisher darüber unterhalten habe, sind jedoch anderer Meinung. Mein Eindruck danach ist eher, dass – man kennt das Phänomen – durch eine übertriebene pseudoneutrale Haltung, eine Apologie des Gezeigten eintritt.

Beim Gespräch auf dem Balkon geht es jetzt aber eher um die Bedeutung des Kunst- und Kulturbetriebs für das tatsächliche gesellschaftliche Leben. Ein Diskussionspartner: „Das ist alles Überbauscheiße. Da bin ich Oldschool-Marxist.“ Das wiederum finde ich erfrischend unorthodox – jedenfalls in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns hier auf einer Party des Kunst- und Kulturbetriebs befinden. Letztlich einigen wir uns darauf, dass die Linke die Soziale Frage stellen muss. Damit lasse ich dann beruhigt mein DOK-Leipzig Festival 2017 ausklingen.

Im Nachgang

„Call me Tony“ scheiterte, wie sein Protagonist, und bekam keinen Preis

„Wildes Herz“ sahnte dagegen gleich vier Awards ab und hat damit ordentlich Rückenwind zum Kinostart im April

„Licu – A Romanian Story“ gewann die „Goldene Taube“ im internationalen Wettbewerb

Tamer Le Gruyere kehrte nach Halle zurück und schreibt weiter für „Transit“

DOK Leipzig

DOK Leipzig ist ein internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. Es findet in diesem Jahr bereits zum 60. Mal statt.

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