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DOK Leipzig 2017: Zweiter Erlebnisbericht und gemischte Gefühle

Teil 2 direkt vom Festival: Mobbing, Musik, Massenselbstmord

von | veröffentlicht am 03.11 2017

© per.spectre

9.45 Uhr: Kämpfe mich auf dem Weg zum Kino mit dem Fahrrad durch eine dichte Wand aus dünnen Regentropfen. Eine aufmerksame Bürgerin moniert, dass ich auf der falschen Straßenseite fahre aber mit den Gedanken bin ich schon beim Festival.


 

10.30 Uhr

Panel 1 ist ein Jungs-Panel. In Coal-Heap Kids lernt man Loic, seinen Bruder Theo und seine Mutter kennen. Die drei leben im nordfranzösischen Lens. Klassische post-industrielle Region über die Theos Schulfreundin sagt: „Wenn du ein gutes Leben willst musst du Lens verlassen. So einfach ist das.“ Loic wird in der Schule homophob gemobbt und trägt Alpträume und Depressionen davon. Der Junge bleibt dem Unterricht fern und das gefährdet seinen Abschluss und seine Zukunft. „Schule ist die Hölle“ sagt er. Die Schulpsychologin, ein neoliberaler Bürokratieautomat, sieht die Verantwortung jedoch bei Loic, der sich zusammenreißen und wieder regelmässig am Unterricht teilnehmen soll. Ohne pädagogisch zu werden, schafft es der Film den absurden Umgang mit Diskriminierung und Mobbing in der Schule auf den Punkt zu bringen.

Der zweite Film im Panel heißt Touching Concrete. Es geht um eine Gruppe Jungs in Hillbrow (Johannesburg), die mit Perspektivlosigkeit und einem gewalttätigen Umfeld kämpfen. Der Film ist sehr roh und düster. Teilweise wurde mit grobkörnigen Handy(?)kameras geschossen, das zudem oft bei Nacht. Für die Stimmung ist das absolut gewinnbringend. Wenn die Jugendlichen in einer Szene darüber streiten, wer von ihnen im Moment betrunken ist oder betrunken im Unterricht war, dann kann man die Alkoholfahne fast riechen, so nah ist die Kamera dran. Manchmal merkt man gar nicht wie sehr sie neben der Spur stehen. Ein anderes mal sieht man sie nachts an einer Straßenecke stehen und sich scheinbar spaßeshalber zu raufen. Plötzlich sieht man einige Jungs rennen und wenig später blickt die Kamera in das gequälte Gesicht eines Protagonisten, dem offenbar ernsthaft übel mitgespielt wurde. Touching Concrete besticht eher durch solche Momentaufnahmen, statt durch eine zusammenhängende Geschichte, aber das macht den Film ehrlicher.

12.45 Uhr

Die Retrospektive wird fortgeführt mit einem Panel über Internationalismus und Antiimperialismus. Gastkommentator ist der Journalist Peter B. Schumann, Santiago Alvarez Experte und außerdem großer Fan von Ho Chi-Minh. Letzterer sei eigentlich nicht der Typus Berufsrevolutionär gewesen, sondern eher ein Poet und Intellektueller (Notiz an mich selbst: Alternativer Titel für die Retrospektive: „Dichter – Denker – Dialektiker“). Gezeigt werden neben Farockis Klassiker „Die Worte des großen Vorsitzenden“ Filme über besagten Ho Chin Minh, Fidel Castro und Thomas Sankara. Sankara galt als „African Che“ und sorgte in Burkina Faso in den 80er Jahren für sozialen Fortschritt auf vielen Ebene, bevor er sein Regime daran endete, woran die meisten realsozialistischen Regime enden: fehlende Demokratisierung und gewiefte Gegner. Wo eigentlich erfährt man heutzutage sonst etwas über die kommunistische Bewegung auf dem afrikanischen Kontinent? Danke DOK Leipzig! Danke Stiftung Aufarbeitung!

15.30 Uhr

Paper Planes in den Passage Kinos! Ein Film über mehr oder weniger aktuelle Entwicklungen in der US-Punkszene und leider, leider bietet er nur das was in den letzten Jahren so ziemlich alle Filme über Punk bieten: schnelle Schnitte, gute Musik, Unterhaltung und oberflächliche Interviews. Wie oft wurde in ähnlichen Filmen schon folgende Story gezeigt: „Die anderen waren oberflächlich. Ich habe Punk entdeckt. So konnte ich mich ausdrücken. Die anderen wollten Rockstars sein und Millionen verdienen. Ich wollte nur mein eigenes Ding machen und mich ausdrücken.“ Diese Story ist weder falsch, noch schlecht. Eigentlich ist sie sehr sympathisch und ich kann mich damit zu einem gewissen Teil identifizieren. Aber wenn Protagonisten im Film fordern, Musik herauszubringen, die die Hörer/innen fordert, dann frage ich mich, warum die darüber gedrehten Filme, die Zuschauer nicht auch fordern sollten. Warum fangen Filme über Punkt nicht langsam an, dieses Punk-Narrativ zu hinterfragen? Warum werden die Musiker (seltener: Musiker_innen) nichtmal zu antiemanzipatorischen Entwicklungen in ihrer Szene befragt? Oder warum bekommen sie nicht mehr Zeit, um ihre Geschichte wenigstens auszuerzählen? Stattdessen – so bekommt man den Eindruck – geht es eher darum, möglichst viele Leute vor die Kamera zu bringen, um herumzureisen und zu zeigen, mit wem man abhängt. Technisch gesehen werden diese Dokumentarfilme immer besser: Die Bilder werden perfekter, der Sound bombastischer, die Grafiken bunter… nur das Narrativ bleibt dasselbe. Dabei gibt es durchaus interessante Moment, z.B. wenn Mick Barr äußert, dass heute als „guter, alter Rock’n’Roll“ gelte, was „vor 30 Jahren noch Krach war“. Den Gedanken hätte man mal tiefer verfolgen sollen.

18.30 Uhr

Essenpause. Werde von meiner Begleitung darauf hingewiesen, dass Pegida sich für das Screening von „Montags in Dresden“ morgen im Hauptbahnhof angekündigt hat. Das habe eine Mitarbeiterin des Festivals beim DOK Talk berichtet. Während dort Unverständnis herrscht findet’s Tobias Prüwer im Kreuzer eher folgerichtig. Er begründet das mit der naiven Darstellung im Film, die offenbar ganz im Sinne von Pegida sei. Pegida ruft sogar dazu auf Plätze zu besetzen und beim Zuschauervoting für den Film abzustimmen.

21.45 Uhr

Gemischte Gefühle nach „Über Leben in Demmin„. Kernthema des Films sind massenhafte Selbstmorde in der mecklenburgischen Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ältere Bewohnerinnen und Bewohner berichten über vergewaltigende und brandschatzende Russen. Vor denen habe soviel Angst geherrscht, dass die Menschen sich lieber ihre Kinder an den Körper banden und „ins Wasser gingen“ oder sich und ihre Angehörigen anderweitig umbrachten. Von erschießen, erwürgen, vergiften, erhängen und Pulsadern aufschneiden ist die Rede. Teilweise kommen andere Perspektiven ins Bild: Die Soldaten der Roten Armee seien eigentlich ganz nett zu den Kindern gewesen und zu Kämpfen wäre es überhaupt nicht gekommen, hätten nicht einige Stadtbewohner das Feuer eröffnet. Durch geschicktes Nachfragen schafft der Regisseur es, einer älteren Dame zu entlocken, dass ihre Mutter bei der Organisation Todt, ihr Vater bei der SS war. Ein Bewusstsein für die eigene Verwobenheit in Naziregime und Krieg scheint bis heute bei den Wenigsten zu herrschen. All das zeigt der Film, was gut ist. Jedoch kommt die Oral History, wie so oft, hier auch an ihre Grenzen: Es wird einfach nicht klar, was am Ende des Krieges im Dorf wirklich geschehen ist und wie eine solche Dynamik, die zu hunderten von Selbstmorden führt, überhaupt entstehen kann. Da eine Fortsetzung angekündigt ist, geben diese Fragen aber auch gute Cliffhanger ab. Ärgerlich ist, dass der Film in Bezug auf aktuell regelmäßig stattfindende Naziaufmärsche in einer pseudo-neutralen Position bleibt. Zwar gibt es ein ums andere Mal starke Szenen, beispielsweise als zwei Jungs zunächst erklären, sie würden den Aufmarsch nur beobachten, dann aber später beim Mitlaufen gezeigt werden. Jedoch werden aktive Gegnerinnen und Gegner des Aufmarsches nicht befragt. Manche Protagonisten äußern ihren Unmut, bleiben jedoch passiv. Ein Interview mit einer der 550 Gegendemonstrant/innen hätte dem Film gut getan. Dagegen kommt ein junges Pärchen ausführlich zu Wort, welches sich nicht so recht erinnern möchte, ob es zuvor schonmal beim Aufmarsch mitgelaufen ist. Zumal man ja nur wegen einer Thor-Steinar-Tasche oder weil man mal seine Meinung sage, kein Nazi sei. Der Mann erklärt schließlich, man müsse alle Gegendemonstranten erschießen. Sicherlich ist das entlarvend, aber hat man das nicht schon zigmal in verschiedenen Varianten gesehen?

DOK Leipzig

DOK Leipzig ist ein internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. Es findet in diesem Jahr bereits zum 60. Mal statt.

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