DOK Leipzig 2017: Dritter Erlebnisbericht und einige Zeitreisen

Teil 3 direkt vom Festival: Angst, Ostblock, Ärgernisse

von | veröffentlicht am 05.11 2017

© Transit

12.29 Uhr: Heute endlich mal besseres Wetter als ich zum Kino aufbreche. Schweren Herzens habe ich „Licu – A Romanian Story“ ausfallen lassen, denn ich wollte nicht von morgens um zehn bis abends um zehn nur im Kino sitzen. Der Weg führt mich zu den Passagen-Kinos und dort ist an den Fahrradständern alles sauber und safe.


12.57 Uhr

Der Astoria Filmsaal hat sicherlich die steilsten Sitzreihen des ganzen Festivals. In der „Retrospektive: Kommandanten – Vorsitzende – Generalsekretäre“ drüben im Cinestar geht es gleich um tote Kommunisten und ich denke, das ist die Chance mal dem Animationsprogramm den obligatorischen Besuch abzustatten. Hier läuft die Sonderreihe „Nach der der Angst“ mit dem ersten Teil „Fear for fun“.

Der DOK-Vorspann, der vor jedem Filmpanel läuft, zeigt in diesem Jahr einen drolligen nassen Hund, der sich schüttelt. Mittlerweile kichern die Leute aber nicht mehr. Man merkt also, das wir in der Mitte des Festivals angekommen sind. Dagegen sind sie vom Filmvorführer amüsiert. Denn der ist nebenbei am Telefon und fragt sich lauthals, ob mit dem Sound bei „Spuk am Vormittag“ alles in Ordnung oder ob das ein Stummfilm sei.

Highlight von „Nach der Angst 1“ ist ein feministischer Film mit einer witzigen Metapher über eine sich verselbständigende Vulva. Diese löst sich von der gelangweilten Besitzerin, läuft herum und schnurrt wie ein Kätzchen oder halt „Pussy“ – so jedenfalls der Titel des Films. Als sie einen Spanner entdeckt, wird sie zum zähnefletschenden Löwen und schließlich wieder zahm und niedlich, wenn die Hauptfigur allein mit ihr ist. Dann springt sie durch die Wohnung und testet die Oberflächenstruktur verschiedener Gegenstände auf deren Lustfaktor.

15.30 Uhr

Nummer sechs der Kommunismus-Retrospektive, für mich die Letzte. Das Thema: Kommunismus ist nicht ausschließlich weiß, männlich und heterosexuell. Das kommt an. So voll war der Saal Cinestar 5 bisher noch nicht beim Sonderprogramm. Rosa Luxemburg erscheint auf der Leinwand und ärgerlicherweise überkommt mich die Nachmittagsmüdigkeit. Mit der Losung, wonach der „Nebel von Militarismus und Vaterlandstreue mit der einfach Wahrheit vom Klassenantagonismus zu durchleuchten“ sei, falle ich in einen unruhigen Schlaf-Wach-Zustand. Es folgt ein Film über die Black Panthers und ihren Kampf um eingesperrte Genossen. Wirklich klar im Kopf werde ich aber erst danach wieder, als Black Panther Kathleen Cleaver zu sehen ist, wie sie im algerischen Exil eine lange, wütende Rede hält. Deren Quintessenz ist, dass die imperialistische, rassistische und faschistische US-Regierung ein qualvoller, aber gerechter Tod ereilen wird.

17.30 Uhr

Da der Diskurs zum Kalten Krieg damit eröffnet ist, fahre ich in die naTo um mir „Soviet Hippies“ anzuschauen. Der Name sagt es: Der Film thematisiert die Hippiebewegung die in den 70er Jahren im Warschauer Pakt entstand und bis heute aktiv ist. Der Schwerpunkt der Erzählung liegt auf Westrussland, den baltischen Staaten und der Ukraine. Gezeigt wird der Werdegang einiger altgewordener Hippies, insbesondere die Repression, der sie als deviante Jugendliche in der Sowjetunion von Seiten des Staates und der Bevölkerung ausgesetzt waren. „Going out was a war“ denn „a bearded person was a suspicious person. A bearded person with long hair was not a person anymore.“

Gezeigt wird auch „The System“, ein geheimes Netzwerk zur Kommunikation, dass sich über die gesamte Sowjetunion erstreckte und stetig wuchs. Die Hippies verwendeten Notizbücher, in denen sie Adressen von Gleichgesinnten sammelten. So gab es Anlaufpunkte in jeder Stadt, ohne, dass man sich vorher kennengelernt haben musste. Angeblich kam der KGB nie dahinter.

Die Erzählung, warum man im Ostblock zum Hippie wird, unterscheidet sich nicht von der westlicher Zeitgenossen, letztlich nicht mal sonderlich von der Motivation Punk zu werden, so wie sie in Filmen wie „Parallel Planes“ dargestellt wird: Abgrenzung, Ablehnung, Freiheit, Musik. Spätestens beim Protagonisten „Penza“ aus Lvov wird klar, dass es bei den „Soviet Hippies“ ähnliche Punkte zu kritisieren gibt, wie bei deren westlichen Pendants. Penza ist ein egoistischer Sexist. Nicht nur er, aber ganz besonders er prahlt mit der Anzahl der Frauen, mit denen er Sex hatte. Aus der postulierten Ablehnung von Ideologie folgt eine Affirmation vermeintlich unideologischer Männlichkeit. Der Film macht das leider nicht zum Thema. Frauen sind generell kaum zu sehen und noch weniger zu hören. Warum das so ist – darüber wird kein Wort verloren.

Der Film endet mit Aufnahmen eines jährlich stattfindenden „Hippie-Gathering“ in Moskau. Dort wird es interessant, denn die Teilnehmenden sprechen über ihre Ansichten zur aktuellen russischen Regierung. Wie zu erwarten sind die meisten gegen den Krieg in der Ostukraine. Eine Frau sagt sogar, sie schäme sich dafür Russin zu sein und dass sie nicht verstehen könne, was ihre Landsleute an Putin finden. Andere unterstützen Putins Politik. Insbesondere die jüngeren Teilnehmenden zeigen sich jedoch völlig apolitisch. Sie lehnen es ab, Politik überhaupt zum Thema zu machen und begründen das mit der fehlenden Möglichkeit irgendetwas „von unten“ zu beeinflussen.

19.33 Uhr

Thematisch bleibe ich im Osten. Fahre zur Vorstellung von „Montags in Dresden“ in die Osthalle des Hauptbahnhofs. Ich will zwar nicht den Film sehen, aber ich bin interessiert an der Stimmung. Pegida hat sich offiziell angekündigt und bei einigen Personen sorgt das offenbar für Erstaunen, ja für Besorgnis, dass die besorgten Bürger aus Dresden die Vorstellung stören wollen. Jedenfalls hat sich das Festival auf jegliches Spektakel gut eingestellt und mehrere Sicherheitskasten bestellt, die mich auffordern den „Fluchtweg“ auf der Treppe zu verlassen (stehe neben der Treppe). Dass Pegida ausdrücklich kommt um den Film beim Wettbewerb um den Publikumspreis „Leipziger Ring“ zu unterstützen, sorgt zunächst für noch mehr Unverständnis. Bitter ist: Der Preis der Stiftung Friedliche Revolution wird vergeben an einen „hervorragenden Dokumentarfilm über Menschenrechte, Demokratie oder bürgerschaftliches Engagement“.

Die Moderatorin leitet die Veranstaltung mit den Worten ein, dass das DOK ein Ort zum „Hinhören und Verstehen“ sei, an dem „unterschiedliche Meinungen“ gezeigt werden sollen. Aber: Es gebe einen „Unterschied zwischen Verstehen und Verständnis“. Bitter ist das nach drei Jahren Talkshows mit Pegida, Podiumsdiskussionen mit der AfD und einigen Migrationsrechtsverschärfungen.

19.53 Uhr

Ich bin mir weiterhin sicher, dass ich den Pegida-Film heute nicht sehen will und fahre zurück zum Cinestar wo „All I imagine“ und „Call me Tony“ laufen. Ersterer ist ein inszenierter Dokumentarfilm über einen jungen Selbstdarsteller aus einem Ort bei Lissabon. Der Film möchte das „Dazwischen“ der Jugend in der aktuellen Situation des Landes einfangen, verkommt aber zur Apologie der zur Schau gestellten Coolness des Hauptprotagonisten. Unangenehm ist eine Szene in der die weibliche Protagonistin – Emmy – diesem zunächst unmissverständlich sagt, er solle sich von ihr fern halten, sich aber schließlich von seinen penetranten Annäherungsversuchen überzeugen lässt. Der Film feiert damit – in handwerklich wirklich perfekt geschossenen Bildern – dass Frauen eigentlich „ja“ meinen, wenn sie „nein“ sagen, denn leider wird das Gezeigte in keiner Weise reflektiert. Im Gegenteil: Die Szene passt gut in die Darstellung der jugendlichen Frauen, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihre männlichen Pendants schmachtend anzuschauen oder über sie zu reden.

„Call me Tony“ behandelt ebenfalls das Leben eines jungen Selbstdarstellers, nur ist der Charakter liebenswürdig und der Film schafft es, seine Ambivalenzen zu thematisieren. Konrad aus Lodz möchte Bodybuilder werden und hat die Vorbilder Tony Montana und Arnold Schwarzenegger. Sein Ziel verfolgt er mit sehr viel Ehrgeiz – und scheitert. Der Film ist sehr persönlich und vielschichtig geraten und es würde mich nicht wundern, wenn er einen Preis gewinnt.

DOK Leipzig

DOK Leipzig ist ein internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. Es findet in diesem Jahr bereits zum 60. Mal statt.