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Union Flag – alles Dreck?

Die Renaissance der Sozialen Frage und die Ohnmacht der radikalen Linken

von | veröffentlicht am 31.10 2017

© majus

Denkt man an Halles Linke, kommen den wenigsten Gewerkschaften in den Sinn. Oder mehr noch und allgemeiner formuliert: Linker Aktivismus wird in den seltensten Fällen mit Arbeitskämpfen und betrieblichen Auseinandersetzungen um Mitbestimmung, Lohn, Arbeitszeit und bezahltem Urlaub verknüpft. Das ist schade, birgt doch die Arbeitswelt großen Raum für Agitation, Organisierung und praktisch erlebbare Solidarität.


Die Krise der parlamentarischen Demokratie, der völkische Rollback in den Parlamenten und auf der Straße und die anhaltende Neoliberalisierung von Arbeitsverhältnissen und Sozialsystemen lassen abhängig Beschäftigte als Adressat*innen linker Politik wieder stärker in den Fokus rücken. Der Hype um Eribons „Rückkehr nach Reims“, die Renaissance der sozialen Frage in den Feuilletons und den außerparlamentarischen Bewegungen und die verstärkte Diskussion (vermeintlicher) antikapitalistischer Alternativen (G20-Proteste, Anti-Kohle-Bewegung, BGE, Degrowth) sind einige Anzeichen dieser Entwicklung. Doch von einem Ende der Marginalisierung eines progressiven Antikapitalismus kann nach wie vor keine Rede sein. Die Praxis sowie die Wahrnehmung linksradikaler Politik beschränkt sich nach wie vor – ob gewollt oder ungewollt – überwiegend auf die eigene Szenewelt. Eine Anschlussfähigkeit an die Lebensrealitäten und Interessen abhängig Beschäftigter wird in den seltensten Fällen hergestellt.

Ein Gruß aus Mordor: Der Betrieb

Zugegeben: Als linke*r Gewerkschaftsaktivist*in hat man es in mehrfacher Hinsicht nicht leicht. Da ist zum einen die traurige Realität in den industriellen Betrieben, die meist trostloser ausfällt als man es sich beim abendlichen Plenum vorstellen kann: Rebellische Belegschaften kennt man eher aus den Geschichtsbüchern, gilt doch vielerorts das Credo „Hauptsache Arbeit“. Die Disziplinierung der Belegschaften über eine Vielzahl an prekären Beschäftigungsformen funktioniert hervorragend. Wo stets das mahnende Beispiel eines Leiharbeiters oder eines Werkvertraglers virulent ist, wird es sich drei mal überlegt, den Mund aufzumachen. Befristete Arbeitsverträge und die damit verbundene Hoffnung auf eine Entfristung tun ihr Übriges, sodass der Einsatz des Ellenbogens meist naheliegender als eine solidarische Organisierung ist. Die sinkende Tarifbindung und die damit verbundenen niedrigen Löhne und Gehälter führen zudem dazu, dass Überstunden und Wochenendarbeit eher dankbar angenommen als abgelehnt werden, wodurch die Arbeitsbelastung wiederum enorm steigt.

Nicht nur auf dem Bau ermüdend: Der Arbeitsalltag

Zum anderen besteht die Kolleg*innenschar natürlich nicht – um es mal vorsichtig zu formulieren – aus der Avantgarde der emanzipatorischen Linken. Entpolitisierung und Arbeitsfetisch einerseits sowie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unterschiedlicher Ausprägungen andererseits sind vielerorts eher die Regel als die Ausnahme. Und zu guter Letzt sind die Gewerkschaften selbst oft Teil des Problems. Co-Management, miese Tarifabschlüsse und Sozialpartnerschaft prägen (zu) oft die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Politik und die üblichen Bilder von in Plastiksäcken steckenden Männern mit Trillerpfeifen wirken meist eher abschreckend als ansteckend. Außenstehende mögen den Eindruck gewinnen, dass Tarifauseinandersetzungen eher ritualisiert als kämpferisch ablaufen, wobei neue Aktionsformen, die bereits rege angewendet werden, nur selten den Weg in die Abendnachrichten finden und stattdessen über eigene Kanäle verbreitet werden (siehe Infokasten).

Die Feierabendlinke

Unterdessen finden sich die meisten Linken in ganz anderen Arbeitsverhältnissen wieder, haben sie doch ihre eigenen deregulierten Arbeitsmärkte geschaffen und üben eine „erfüllende Tätigkeit“ in einem „sinnstiftenden Projekt“ im Kunst-, Kultur-, Politik-, Bildungs- oder Wissenschaftsbetrieb aus. Doch auch hier gilt in aller Regel: Das eigene Arbeitsleben ist entpolitisiert und der linke Aktivismus beschränkt sich auf den Feierabend, wenn er denn überhaupt die Studienzeit überlebt. Die Freude über den eigenen prekären Job ist oft so groß, dass miese Arbeitsbedingungen eher akzeptiert als bemängelt werden. Schnell degenerieren selbst die aktivistischsten Aktivist*innen und die linkesten Linken in der Arbeitswelt zu emsigen Bienchen. Die Folgen sind Rückzug ins Private oder in die eigene Subkultur, Entstehung von Blasen und linken „Inseln“, Zynismus und der Abgesang auf die Bewegungslinke. Praktisch erlebte Solidarität im Arbeitskontext, Streikerfahrung und die tatsächliche Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen aufgrund einer kollektiven Organisierung haben viele linke Aktivist*innen nie erlebt.

Support your local Union

Womit wir beim springenden Punkt wären. Die (Re-)Politisierung der (eigenen) Arbeitsverhältnisse, die Stärkung emanzipatorisch-linker Positionen in Gewerkschaften sowie eine kritisch-solidarische Bezugnahme zu Arbeitskämpfen könnten ein Schlüssel sein, die eigene Marginalisierung anzugreifen und antikapitalistische Postionen zu stärken. Denn wer einmal Kolleg*innen überzeugt hat, für einen Streik vor das Tor zu gehen, wer einmal Betriebsratswahlen gegen massive Widerstände gewonnen hat und wer einmal erlebt hat, wie die Worte Emanzipation, Solidarität und Selbstermächtigung mit Leben gefüllt werden, der wird feststellen: Ein Kampf um die Köpfe zur Verbesserung der Verhältnisse ist mühselig, kleinschrittig, kompliziert, widersprüchlich und meistens macht er nicht mal Spaß. Aber er lohnt sich. Für den eigenen Horizont, für die beteiligten Kolleg*innen und schließlich für die eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen.

Und nun?

In unregelmäßigen Abständen sollen im Transit Magazin Interviews mit Betriebsrät*innen, Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen erscheinen, die sich selbst als links bezeichnen und dem Wahnsinn in den Betrieben eine solidarische kollektive Organisierung entgegen setzen. Lasst uns einander kennen lernen und ins Gespräch kommen. Für ein besseres gegenseitiges Verständnis, für solidarische Unterstützung, für konstruktive gegenseitige Kritik und für eine progressive Kapitalismuskritik.

labournet.tv

Eine hervorragende und umfangreiche Sammlung von Filmen über kämpferische Gewerkschaftspolitik aus allen Teilen der Welt findet sich auf labournet.tv. Aktuell sind dort bereits über 750 Videos aus 52 Ländern gelistet. Dabei wird stets aus der Perspektive abhängig Beschäftigter berichtet. Die Filme „transportieren wichtige Erfahrungen, die Atmosphäre eines Arbeitskampfes und erzählen von Selbstbehautptung, Emanzipation und Solidarität“.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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