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Freiräume für die Integration

Interview: House of Resources schafft Räume für migrantisches Mitgestalten

von | veröffentlicht am 31.10 2017

© per.spectre

Die hohe Zahl von Asylsuchenden, die im Jahr 2015 innerhalb kurzer Zeit Zuflucht in Deutschland fanden, hat ein immenses Potenzial an Engagement freigesetzt. Zahlreiche Haupt- und Ehrenamtliche in den deutschen Städten und Kommunen bemühen sich um gelingende Integration. Die Ansichten darüber, wie Integration gelingen kann, gehen freilich weit auseinander. Manche Vorstellungen verfehlen den Kern von Integration und zielen auf Anpassung, ein einseitiges sich Einfinden in die „deutsche Lebenswelt“. Dabei braucht gelingende Integration Freiräume für Zugewanderte und Freiräume für Begegnungen zwischen Zugewanderten und Einheimischen. Denn erst in Räumen, die von denen, die sie „bewohnen“, auch mitgestaltet werden können, kann ein Miteinander gelingen.


Das sieht auch Ronn Müller so, der im Herbst 2016 das „House of Resources“ in Halle eröffnete und es seither koordiniert. Der Islamwissenschaftler und Ethnologe, der mit einer Syrerin verheiratet ist und mit ihr gemeinsam bereits vor sieben Jahren das Dialogprojekt „Arabische Oase“ gründete, hatte auch das Konzept dazu entwickelt. Transit fragt nach den Motiven, den Projektzielen und nach Erfahrungen und Herausforderungen.

Transit: Ronn, der Auftakt zu unserem Debattenmagazin Transit steht unter dem Motto „Freiräume“. Findest du das „House of Resources“ in diesem Motto wieder?

Ronn Müller: Unbedingt. Das House of Resources schafft Freiräume. Und zwar Freiräume für Menschen, die noch nicht so lange hier sind. Wir ermöglichen ihnen, für sich selbst Freiräume in der Gesellschaft herzustellen. Wichtig ist uns, dass das niedrigschwellig passiert. Das heißt, die Menschen brauchen keine Zertifikate oder Nachweise, dass sie Deutsch können oder an einem Integrationskurs teilgenommen haben. Sie müssen also nicht erst fünf Jahre warten, bis sie Ideen zum Zusammenleben und Miteinander entwickeln und ausprobieren können. Daran hapert es nämlich oft. Dass Zugewanderten erst dann Teilhabe ermöglicht wird, wenn sie Deutsch können und eine Ausbildung absolviert haben. Dabei ist es wichtig, von Anfang an Gestaltungswillen aufzugreifen und ihm einen Raum – einen Freiraum – zu geben.

Transit: Das hört sich spannend an. Woher kam die Idee zu diesem Konzept?

Ronn Müller: Ursprünglich aus Skandinavien. Die sind beim Thema Integration ja sehr viel weiter als wir, da kann man eine Menge lernen. In Stuttgart wurde das bundesweit erste House of Resources nach skandinavischem Vorbild aufgebaut. Es setzt darauf, strukturelle Bedingungen zu schaffen, die Teilhabe von Migrant*innen frühzeitig ermöglichen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurde darauf aufmerksam, fand es eine spannende Idee und schrieb daraufhin das Projekt „House of Resources“ bundesweit aus. Wichtig bei der Antragstellung war ein lokaler Bezug, eine Orientierung an den Bedarfen vor Ort und die Verbesserung von Defiziten bei den lokalen Strukturen im Integrationsbereich.

Der Projektleiter, Ronn Müller, bei der Arbeit im Hallenser House of Resources.

Transit: Gemeinsam mit deiner Frau und anderen hast du schon vor sieben Jahren die Initiative „Arabische Oase“ gegründet, die auf Stadtfesten wie dem Fontänefest oder dem Laternenfest einem interessierten Publikum arabische Kultur – Essen, Trinken und Tanz – näher bringt. Hängt das House of Resources damit zusammen?

Ronn Müller: Ja und Nein. Wir haben die Arabische Oase bewusst als Initiative belassen und nicht einen Verein gegründet, um den Arbeitsaufwand dafür nicht ausufern zu lassen. Wir haben uns aber dem Hallenser Bündnis Migrantenorganisationen angeschlossen, einem losen Zusammenschluss. Aus diesem Bündnis heraus ist im Jahr 2015 der Verband der Migrantenorganisationen Halle (Saale) e.V. (VeMo) entstanden. Als Verein können wir nun eigene Projekte beantragen und haben das auch erfolgreich getan. Neben dem House of Resources z.B. das Kunstprojekt „Was uns bewegt“, das sich an arabischsprachige Mädchen und junge Frauen richtete und das 2016 mit dem Hallenser Engagementpreis »Der Esel der auf Rosen geht« ausgezeichnet wurde. Das House of Resources verfolgt aber einen ganz anderen, grundlegenderen Ansatz als die Arabische Oase oder das Kunstprojekt. Es geht darum, gemeinsam mit Migrant*innen Organisationsstrukturen aufzubauen und zu fördern, eben für und mit Migrant*innen Freiräume zu schaffen und zu gestalten. Unser Anliegen ist es, das Wissen, die Erfahrungen und Kompetenzen der Zugewanderten mit den Selbstorganisationsmöglichkeiten in Deutschland zusammen zu bringen.


Es geht darum, gemeinsam mit Migrant*innen Organisationsstrukturen aufzubauen und zu fördern, eben für und mit Migrant*innen Freiräume zu schaffen und zu gestalten.


Transit: Was heißt das konkret? Wie unterstützt ihr die Migrant*innen?

Ronn Müller: Das bedeutet konkret, dass wir Beratungs- und Fortbildungsangebote z.B. zu den Themen Vereinsrecht, Öffentlichkeitsarbeit und Vereinsführung unterbreiten, Räume und Ressourcen für eigene Angebote der Vereine zur Verfügung zu stellen und ähnliches. Wir haben in diesem Jahr ein Budget von 40.000 Euro für solche Projekte. Das heißt auch, dass wir nur kleinere Projekte und Vorhaben unterstützen können, also Impulse etwa für Vereinsgründungen geben und kontinuierlich beraten können. Und wir können auf andere Fördermöglichkeiten verweisen und bei der Antragstellung unterstützen. Wir können den Vereinen aber nicht bei den drängenden Fragen helfen und die drängendste Frage ist: Wie finanzieren wir dauerhaft Vereinsräume? Diese Frage ist gerade bei religiösen Vereinen sehr wichtig, da Vereinsräume hier gleichzeitig Gebetsräume, also Räume des Auslebens der Religionsfreiheit sind.

Fortbildung des House of Resources im hauseigenen Seminarraum. Thema: Arbeitsstrukturen im Verein.

Transit: Ihr unterstützt also religiöse Vereine. Welche Religionen sind denn vertreten? Und welche anderen Gruppen kommen zu euch?

Ronn Müller: Wir begleiten derzeit christliche und muslimische Gruppen u.a. bei der Vereinsgründung. Außerdem kommen Menschen aus der arabischsprachigen Welt, aber auch einheimische, die an Begegnungsprojekten interessiert sind. Seitdem wir das erste bundesweite Vernetzungstreffen der Zugewanderten aus Burkina Faso hier in Halle unterstützt haben, kommen zunehmend auch Menschen aus afrikanischen Communities zu uns. Außerdem unterstützen wir afghanische und iranische Gruppen. Schon etablierte Migrantenselbstorganisationen kommen relativ selten.

Transit: Das hört sich so an, als wäre das House of Resources schon gut bekannt bei den Hallenser Migrant*innen. Welche Ideen bringen die Gruppen denn mit? Was sind schöne Projekterfahrungen?

Ronn Müller: Besonders schön und wichtig finde ich den muttersprachlichen Unterricht für Kinder. Es gibt Angebote auf Arabisch, Armenisch und Kurdisch. Der Unterricht in der Muttersprache ist sehr wichtig für die Identität der entwurzelten Kinder. Gleichzeitig werden Brücken zur Aufnahmegesellschaft geschlagen, indem in den Kursen deutsche Geschichte allgemein, aber auch Stadtgeschichte vermittelt wird. Mit den Angeboten erreichen wir zurzeit etwa 90 Kinder, nicht zu vergessen die Familien dahinter. Eine afghanische Gruppe hatte außerdem ein Beratungsprojekt entwickelt, bei dem es darum geht, darüber aufzuklären, wie das Leben in Deutschland funktioniert. In den Kursen dazu wurden Multiplikatoren ausgebildet, die weiter in die Community hineinwirken sollen. Das war auch beeindruckend. Daneben gibt es viele kleine Projekte und Kunst- und Kulturvereine, z.B. der iranisch-afghanische Musik- und Kunstverein. Hier kommen Menschen zusammen, die Musik machen und ihre eigene Musikkultur um Einflüsse aus anderen Regionen erweitern wollen.

Transit: Das ist ja auch schön, dass Gruppen aus verschiedenen Herkunftsländern gemeinsam Projekte entwickeln und Vereine gründen.

Ronn Müller: Ja, das ist neben dem Sichtbarmachen migrantischer Aktivität das zentrale Ziel des House of Resources. Es sollen die Vernetzung zwischen verschiedenen Migrant*innen und der Kontakt zwischen Einheimischen und Zugezogenen gefördert werden. Gerade bei letzterem herrscht auf beiden Seiten viel Furcht voreinander. In westdeutschen Kommunen sind die Berührungsängste nicht mehr so hoch. Kunst und Kultur sind für solche Begegnungen super Anlässe. Gemeinsam tanzen oder Musik machen, künstlerisch in einem Projekt tätig werden, das verbindet.

Transit: Die AfD erfährt in Sachsen-Anhalt beängstigend große Unterstützung. Bekommt ihr die zuwanderungsfeindliche Stimmung aus dem rechtsextremen Spektrum im Projekt zu spüren?

Ronn Müller: Ja, schon. Bisher beschränken sich die Anfeindungen aber auf anonyme Kommentare im Netz. Wir würden deutsche Steuergelder an Ausländer verschwenden. Auf dem Laternenfest wurden dieses Jahr Gäste der Arabischen Oase als „muslimisches Ungeziefer“ beschimpft. Die Verschärfung des Tons nimmt zu, bisher gibt es noch keine offenen Angriffe und Anfeindungen. Das liegt sicher auch daran, dass wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit in diesem Jahr noch recht schüchtern waren. Das wollen wir im nächsten Jahr ändern. Dann werden sicherlich auch die Anfeindungen zunehmen.

Musik und Tanz verbinden, finden die Macher des House of Resources. Sie unterstützen entsprechende Initiativen und Veranstaltungen, hier die 8. Nacht der Migrantenorganisationen 2017. Zu sehen ist ein russischer Chor.

Transit: Düstere Aussichten in düsteren Zeiten. Welche anderen Herausforderungen siehst du?

Ronn Müller: Zurzeit bin ich damit beschäftigt, den Förderantrag für 2018 zu schreiben. Ich habe ziemlich Bauchschmerzen, wie es im neuen Jahr weitergeht: Für dieses Haushaltsjahr haben wir erst Ende März den Zuwendungsbescheid erhalten. Durch den Regierungswechsel in Berlin wird es im nächsten Jahr sicherlich noch länger dauern. Da wir ein recht kleiner Projektträger sind, haben wir keine Möglichkeit, die Wartezeit auf die Zuwendung mit Reserven zu überbrücken. Das ist für unser Projekt sehr belastend, immerhin hängen drei Stellen daran. Grundsätzlich finde ich die derzeitige Projektförderung im sozialen Bereich höchst prekär. Vor allem die oft verzögerten Mittelbereitstellungen und die Bindung der Mittel an das Haushaltsjahr erschweren die Arbeit. Zudem habe ich das Gefühl, dass sich irgendwie darauf verlassen wird, dass Menschen, die im Sozialbereich arbeiten, dies oft aus Überzeugung tun und prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Kauf nehmen. Diese wahrnehmbaren Entwicklungen finde ich sehr bedenklich.


Unsere Kontakte wollen wir weiter ausbauen und den Migrant*innenorganisationen zugänglich machen. Das verbindet einheimische Vereine und migrantische Vereine miteinander. Und so werden hoffentlich nachhaltig Berührungsängste abgebaut.


Eine Herausforderung, die wir bei unseren Kooperationspartner*innen wahrnehmen, ist die des strukturellen Rassismus. So haben einige, wie wir auch, nach dem Motto „Professionalisierung im eigenen Haus“ Migrant*innen in verschiedenen Arbeitsbereichen eingestellt. Eine gute Sache. Leider hören wir von Fällen, bei denen die Migrant*innen von einheimischen Kolleg*innen als „Quoten-Migranten“ belächelt und nicht ernst genommen werden. Um zu lernen, mit dieser und anderen Formen der strukturellen Diskriminierung umzugehen, bieten wir z.B. Workshops für Migrant*innen und Aktive im Bereich Integration zum Thema Rassismus an.

Transit: Wir drücken euch die Daumen, dass ihr zügig den Förderbescheid für 2018 bekommt! Eine letzte Frage: Was habt ihr für die Zukunft vor?

Ronn Müller: Wir wollen, wie gesagt, die Öffentlichkeitsarbeit zu unserem Projekt verbessern. Wir planen außerdem einen Förderkompass, der Anregung und Orientierung zu Fördermöglich keiten bieten soll. Darüber hinaus würden wir gern unser Beratungsangebot um Rechtsberatung erweitern. Da suchen wir noch nach Kooperationspartner*innen, die uns unterstützen. Wir haben außerdem schon viele Kontakte aufgebaut, bei denen es darum geht, Ressourcen auszutauschen und unser Unterstützungsangebot zu erweitern. Die Villa Jühling zum Beispiel hat eine mobile Kletterwand, die ausgeliehen werden kann. Diese Kontakte wollen wir weiter ausbauen und den Migrant*innenorganisationen zugänglich machen. Das verbindet einheimische Vereine und migrantische Vereine miteinander. Und so werden hoffentlich nachhaltig Berührungsängste abgebaut.

Transit: Vielen Dank für das Interview, Ronn. Wir wünschen dem House of Resources weiterhin viel Erfolg!

House of Resources

Das House of Resources unterstützt und stärkt nach eigenen Angaben Akteur*innen der Integrationsarbeit in Halle und Umgebung. Unter dem Dach des Verbandes der Migrantenorganisationen Halle (Saale) e.V. bietet die Einrichtungen vielfältige Ressourcen und Dienstleistungen, die Migrant*innen bei der Verwirklichung und Umsetzung von Ideen unterstützen sollen. Anspruch ist, flexibel und mit relativ geringem bürokratischem Aufwand die für migrantisches Engagement erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Die Bilder im Text wurden vom House of Resources für die Verwendung auf transit-magazin.de zur Verfügung gestellt.

Der Beitrag gibt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wieder.

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