15 Tage Muckibude

Vor mir liegen fünfzehn Tage ambulante Rehabilitation. Fünfzehn Tage habe ich Physiotherapie in einer Sporthalle, im Schwimmbecken oder im Fitnessstudio. Fünfzehn Tage lerne ich Menschen kennen, die wegen Knieoperationen, chronischen Rückenschmerzen oder neuen Hüftgelenken in der Reha sind. Es gibt Einzelphysiotherapie und Physiotherapie in der Gruppe.
TAG 1 – JOACHIM
Am ersten Tag habe ich ein Informationsseminar über den Ablauf der Reha. Als ich in den Raum komme, blicke ich schon gleich jemanden in die Augen, der mich feindselig anschaut. Er hat nach rechts gegelte Haare, einen scharfen Seitenscheitel und eine „bullige, stämmige“ Ausstrahlung. Er trägt ein militärgrünes T-Shirt und farblich abgestimmte Crocs, ich schätze ihn um die fünfzig. Sofort macht sich Angst in mir breit. Ich setze mich extra hinter ihn und gucke auf seinen Nacken – alles verzieht sich in mir. Während des Seminars macht er die ganze Zeit sexistische Kommentare und Witze und wird manchmal von der Seminarleiterin zurück angelacht. In meinem Kopf nenne ich ihn Joachim.
Wir haben Gruppen-Physiotherapie zusammen und halten uns gleichzeitig im Fitnessraum auf. Er sagt nie etwas zu mir, verzieht keine Miene und schaut mich immer nur finster an. Allein jedoch seine Anwesenheit und die Blicke reichen, dass ich die ganze Zeit angespannt bin. Ich versuche, ihm so gut es geht aus dem Weg zu gehen, doch das ist schwierig in so einem engen Raum. Mit den anderen männlich gelesenen Sportphysiotherapeuten ist er kumpelig, die weiblich gelesenen Physiotherapeutinnen flirten manchmal mit ihm. Einfach nur unangenehm.
Physiotherapie im Wasser – ich bin mit Joachim in einer Gruppe. Bevor wir ins Wasser gehen, müssen wir noch kurz warten. Ich wende den gleichen Trick an und stelle mich wieder hinter ihn. Einen Moment später steht er vom Stuhl auf und muss sich groß machen – er ist nämlich einen Kopf kleiner als ich. Im Wasser macht er dann wieder seine sexistischen Witze, aber niemand aus der Gruppe springt darauf an, nur die Physiotherapeutin lacht. In meinem Kopf stell ich ihn mir als kleinen, krakeelenden Jungen vor, der nur rumschimpft, weil er nicht genug Aufmerksamkeit bekommt. Irgendwann wird er dann leiser und schaut unsicher beim Hinausgehen nach links und rechts. Irgendwie hab ich jetzt schon weniger Angst vor ihm.
TAG 5 – FRIEDERIKE
Eine Patientin erzählt mir, dass sie sich vor drei Jahren beim Handball verletzt hat. Dann wurde sie ganz lange nicht angemessen untersucht, bis irgendwann durch eine Ärztin herauskam, dass der Fußknorpel herausgebrochen ist und die Haut dazwischen durchs Laufen abgerieben wurde. Seit drei Jahren hat sie Schmerzen beim Belasten. Sie bekommt schwer Physiotherapie genehmigt und bekommt keinen Behinderungsgrad zugeschrieben, da die Verletzung nicht reinpasst.
Die Aussagen der Ärzte, die sie behandelt haben:
„Sie müssen regelmäßig Ihre Übungen machen, damit es besser wird.“
„Sie müssen lernen mit den Schmerzen zu leben.“
„Wenn Sie weiter diese Medikamente nehmen, können Sie Ihr Kind nicht mehr stillen, weil Sie dann Kalziummangel haben.“
„Na, wenn Sie keine Schmerzmittel nehmen, müssen sie sich auch nicht wundern, dass Sie Schmerzen haben.“
Wir haben zusammen Gruppen-Physiotherapie. Sie hat offensichtlich Schwierigkeiten mit den Übungen und sagt dem Gruppenleiter, dass sie die Übungen nicht machen kann. Er antwortet nur: „Seien Sie doch froh, dass sie jetzt hier sind und dass Ihre Krankenkasse Ihnen Reha genehmigt hat – irgendwelche Übungen müssen Sie ja machen.“
Auf dem Weg zur Umkleide sage ich ihr, dass ich die Aussage extrem überheblich und arrogant fand. Sie sagt, sie sei erleichtert das zu hören, weil sie schon dachte, dass es an ihr lag. In der Umkleide muss sie weinen und erzählt, dass sie seit drei Jahren dafür kämpft, dass sie eine angemessene Behandlung bekommt, Physiotherapie und Reha genehmigt wird – und dass sie sich dabei ständig solche Aussagen von Ärzten oder Physiotherapeuten anhören muss.
Die anderen Personen in der Umkleide schauen betroffen und melden sich auch zu Wort.
„Das wird schon wieder.“
„Vielleicht bist du da ja auch ein bisschen empfindlich, ich hatte in der letzten Reha-Woche auch das Gefühl, dass ich mehr Schmerzen hatte.“
„Da muss ich den Trainer jetzt auch nochmal in Schutz nehmen, der ist eine Frohnatur, der meint es bestimmt nicht böse, er wusste ja deine Krankengeschichte nicht.“
TAG 9 – IRENE
Wir begegnen uns während der ersten sonnigen Tage. Ich sitze draußen im Park und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Irene sitzt auf der Bank neben mir und raucht eine Zigarette. Nach dem Aufstehen fragt sie mich: „Und wie geht’s dir hier so?“
Wir reden kurz über die Reha und sie sagt: „Naja, ich bin ja jetzt hier auf Kur, aber irgendwie…Die Leute hier reden nicht so viel miteinander, oder?“
Wir sind uns beide darüber einig, dass es hier eher schweigsam ist und wir Angst vor den Rezeptionist*innen haben. Ich frage sie, weswegen sie hier ist. Sie hat durch die Arbeit im Krankenhaus chronische Rückenschmerzen. Sie arbeitet dort als medizinische Helferin fürs Röntgen, wo sie 50-100kg schwere Personen ins Röntgengerät hin- und herziehen muss. Meist zu zweit, manchmal auch allein. Irgendwann hatte sie dann einen Hexenschuss und ist am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen, konnte ihr doch niemand erzählen, dass sie nicht zur Arbeit gehen soll. Am gleichen Tag wurde sie wieder nach Hause geschickt. Die Ärzt*innen wollten ihr dann nur Schmerzmittel geben, die sie nicht nehmen wollte. Ein halbes Jahr musste sie auf die Genehmigung für die Kur warten. In der Zwischenzeit hat sie weitergearbeitet. Ein Fitnessstudio hat sie auch mal ausprobiert, aber hat sich da nicht wirklich gut angeleitet gefühlt und ist dann nicht mehr hingegangen. Außerdem passen die Sportkurse nicht mit ihren Arbeitszeiten überein.
„Hab schon sehr lang dafür gekämpft, dass ich zumindest den Montag frei bekomme, um da zum Yoga zu gehen.“
Drei Wochen Kur und dann geht’s wieder ins Krankenhaus. Die Schmerzen sind ein bisschen weniger geworden, aber vor allem, weil der Stress durch die Arbeit nachgelassen hat. Sie genießt es, gerade einfach mal nichts zu tun zu müssen – außer den Haushalt. Sie atmet kurz erleichtert aus.
Sie wollte jetzt ihre Mutter fragen, ob sie dann einmal in der Woche im Wald spazieren gehen wollen.
„Was soll man sonst tun, nich?“
Auf dem Rückweg ins Gebäude sagt sie: „Naja, so langsam wirds besser, jetzt noch in die Muckibude und dann hab‘ ich‘s für heute geschafft.“
WAS BLEIBT ÜBRIG?
Joachim. Ein Mensch, der sich sehr genau aussucht, wem er seine Aufmerksamkeit schenkt und Respekt erweist. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ein Mensch, der selbst gerade sehr viele Schmerzen hat und vulnerabel ist – jedoch die Schmerzen, die er hat, niemals nach außen tragen zeigen, geschweige denn darüber sprechen würde. Stattdessen spricht er anderen Menschen ab, Schmerzen, Angst und Verletzlichkeit zeigen zu dürfen. Woher kommt der ganze Hass Joachim?
Friederike. Was ist das für ein behindertenfeindliches Gesundheitssystem, in dem Personen in der Reha weiterhin nicht die angemessene Behandlung bekommen? Was ist das für ein Gesundheitssystem, in dem die Absprache von Schmerzen durch cis Männer vorherrscht? Und wie frustrierend ist es, dass cis Männer durch andere Personen, die eigentlich auch unter dem Patriarchat leiden, in den Schutz genommen werden?
Irene. Die Wahl zu arbeiten oder nicht, hat sie nicht. Die Schmerzen müssen weiter ausgehalten werden – das Geld muss ja monatlich auf dem Konto eintreffen. Drei Wochen Pause und dann geht’s weiter.
Sporthose (dey/dem)
Sporthose hatte einen tragischen Kreuzbandriss, auf dem die Reha folgte. Sonst isst dey gerne Kartoffeln mit Quark und Leinöl und geht ab und zu auf Demos gegen Rechts.Illustration: Clara Schilke (Instagram/clarar.skillke)

